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Deutschland wollte von Zverev schon früh mehr als nur Siege. Es wollte ein Gefühl zurück. Boris Becker hatte Tennis in die Wohnzimmer getragen. Zverev sollte diese Nähe erneuern, eine Sehnsucht stillen, die älter war als er selbst. Aus dem Talent wurde ein Versprechen. Aus dem Versprechen eine Verpflichtung.
Daniel Müksch hat als Autor unter anderem für FOCUS, Playboy und Bunte gearbeitet und war Sportredakteur beim Münchner Merkur und der tz. Müksch ist ehemaliger Tenniskaderspieler und als Autor, Redakteur und Host hat er den Podcast „Unser Boris“ veröffentlicht. Zudem hat Müksch Biografie über die Tennis-Superstars Alexander Zverev und Novak Djokovic verfasst und ist als Dozent an der Akademie für Publizistik in Hamburg tätig.
Doch die Sehnsucht nach einem neuen Boris Becker ist trügerisch. Einen Ersten kann es kein zweites Mal geben. Den ersten deutschen Wimbledon-Sieger, den 17-Jährigen, mit dem ein Land einen Sport neu entdeckte: Diesen Platz hat Boris. Für immer.
Der erste deutsche Formel-1-Weltmeister heißt auch für alle Zeiten Michael Schumacher. Wie hart ein Nachfolger trotz eigener Weltmeistertitel um Anerkennung fahren muss, kann man Sebastian Vettel fragen. Wer später kommt, tritt gegen die Erinnerung an. Gegen das erste Staunen. Gegen ein Gefühl, das sich durch weitere Siege nicht wiederholen lässt.
Diesen Kampf kann Zverev gar nicht gewinnen, solange ein Teil der Öffentlichkeit in ihm das Einmalige, das Erste sucht. Auch wenn er der beste Spieler seiner Zeit werden kann.
Ich habe Zverev als Autor über Jahre begleitet. Anfangs erlebte ich einen teilweise unnahbaren jungen Mann. Über die Jahre wurde er zugänglicher, reifer und zugleich klarer darin, was ihm guttut. Welche Menschen er braucht. Wie er seine beste Leistung abrufen kann. Wie viel Öffentlichkeit er zulässt und wann er sich zurückzieht. 2026 hat er die Früchte dieser Entwicklung geerntet.
Trotzdem wird selbst dieses Ausnahmejahr mit einem Aber versehen. Jannik Sinner und Carlos Alcaraz seien die eigentlich besseren Spieler, lautet der Einwand. Beide seien einfach zur für Zverev idealen Zeit verletzt gewesen. Die Konkurrenz geschwächt, der Weg frei: So lässt sich auch eine Saison mit zwei Grand-Slam-Titeln kleiner erzählen.
Natürlich haben die langen Ausfälle der beiden den Wettbewerb verändert. Was bei voller Gesundheit aller Beteiligten geschehen wäre, bleibt im Konjunktiv. Hätte Sinner die eins behalten? Was wäre in Paris geschehen? Was in New York? Wäre Alcaraz vorbeigezogen? Womöglich. Zverev musste seine Matches trotzdem selbst gewinnen. Die entscheidenden Aufschläge treffen. Die Erinnerungen an verlorene Finals überwinden. Er hat all das getan. Die verdiente sportliche Vollendung.
Seine Leistungen in den Tennis-Arenen der Welt lösen deshalb nicht automatisch das schwierige Verhältnis zu seinem Publikum. Auch sein bisweilen schroffes Auftreten, eigene Fehltritte und öffentliche Kontroversen gehören dazu. Pokale schaffen Anerkennung. Liebe lässt sie nicht erzwingen.
Vielleicht berührt uns am Ende deshalb am stärksten, was hinter diesen Pokalen steht. Irina und Alexander senior kamen aus der Sowjetunion nach Deutschland und bauten sich ein neues Leben auf. Zwei ehemalige Tennisspieler, die für ihre Söhne fast alles einsetzten: Zeit, Kraft, eigene Wünsche. Sie glaubten an Mischa und n Sascha, lange bevor Deutschland etwas von ihnen erwartete.
Als bei Alexander junior Diabetes diagnostiziert wurde, ließ seine Mutter nicht zu, dass die Krankheit über seine Zukunft entschied. Sein Vater blieb als Trainer an seiner Seite. Mischa als Bruder, er kennt die Härte dieses Berufs selbst.
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Jetzt haben sie es gemeinsam geschafft. Für die Eltern liegt darin die Bestätigung jahrzehntelangen Vertrauens. Hier kann die Familie ihren Frieden finden: Ihr Einsatz hat getragen.
Das Jahr 2026, die Triumphe in Paris und New York. Sportlich ist es Zverevs Vollendung. Menschlich ist es ein Sieg der Familie. Eine Heldengeschichte, die auch jene berühren kann, denen dieser Spieler fremd geblieben ist.
Über Sinner und Alcaraz lässt sich weiter spekulieren. Hätte. Wäre. Womöglich. Der Sieg des Zverev-Clans dagegen ist eine Gewissheit. Für die Ewigkeit.