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Menschenmühle Fußball - Wenn an den wichtigsten Mann keiner denkt

Der Zusammenbruch von Vincent Kompany ist zwar erschreckend, kann aber auch der Beginn eines hoffnungsvollen Neuanfangs sein. Ein Kommentar.

Vincent Kompany erlitt beim FC Bayern einen Zusammenbruch und musste ins Krankenhaus | Alex Grimm/GettyImages

Die schockierende Meldung vom Zusammenbruch von Vincent Kompany war an diesem Wochenende das traurige und bestimmende Thema rund um die Bundesliga und den deutschen Fußball im Allgemeinen.

Der belgische Cheftrainer des FC Bayern München brach am Freitag bei einem Trainingsbesuch bei den Münchner Amateuren zusammen und musste anschließend in ein Krankenhaus gebracht werden, in dem er sich noch heute erholt.

Wann Kompany wieder bei vollen Kräften sein und am Spielfeldrand stehen wird, ist derzeit noch vollkommen unklar. Immerhin gibt es positive Signale aus dem Umfeld des 40-Jährigen, dass es in die richtige Richtung geht.

Doch seine Geschichte öffnet ein Fass, das bisher lange unter Verschluss gehalten wurde: Wer denkt beim Fußball eigentlich auch mal an den Trainer?

Warum denkt man nicht auch mal an den Trainer?

Es ist, wie es ist: Als Trainer ist man für alles verantwortlich, was aus sportlicher Sicht getroffen und entschieden wird. Das kenne ich aus eigener langjähriger Erfahrung auf hohem Junioren- und Frauenfußballniveau.

Der Schritt zu einer Cheftrainerstelle sollte von jedem Interessenten bewusst getroffen werden, denn neben den ganz wenigen Momenten des Schulterklopfens und Lobes gibt es vor allem eins: jede Menge auf den Sack, um es mal auf gut Deutsch auszudrücken.

Als Trainer trägt man nicht nur die Verantwortung für sich selbst, sondern in erster Linie und vor allem für eine Vielzahl von Menschen, Träumen, Schicksalen und Zukünften. Allein das ist schon ein enormer Druck, dem man gerecht werden muss.

Niko Kovac und Jobe Bellingham | Sebastian El-Saqqa - firo sportphoto/GettyImages

Leider gehört zu dieser Tätigkeit aber auch, dass man das eine oder andere Herz brechen und genau solche Schritte erklären muss – gar nicht so einfach, wenn ab einem gewissen Niveau fast alle auf Augenhöhe sind und sich jede Argumentation auch für einen selbst wie ein billiger Grund zur Ausrede anhört, warum man so oder so entschieden hat.

Als Trainer sollte man schließlich nicht nur jemand sein, der einfach nur Hütchen aufstellt und den Jungs und Mädels vorgibt, wohin sie zu laufen haben. Als Trainer ist man in erster Linie für Individuen mit Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen verantwortlich.

Als Trainer muss man den Menschen oft im Hintergrund lassen

Es fällt oft sehr schwer, diese zwischenmenschlichen Aspekte immer auch gebührend wertzuschätzen und nicht in den Hintergrund drängen zu lassen. Ab einem gewissen Niveau gehört es aber auch dazu, knallharte Entscheidungen an genau diesen Ansätzen vorbei zu treffen. Damit muss man auch klarkommen – alleine und zu Hause im Stillen, wenn keiner mehr da ist, der es sieht.

Und genau in dieser Einsamkeit erledigt ein Trainer zudem noch jede Menge andere Arbeit. Das gilt für den Profibereich, für Vincent Kompany, aber auch für Trainer im unteren Amateurbereich. Dort aufgrund des Mangels an helfenden Händen sogar noch weitaus größer - wenngleich der sportlich Erfolg oder Misserfolg dort ganz anders zu bewerten ist.

Unterm Strich bleibt aber in jeder Spielklasse stehen, dass ein Trainer mehr ist, als man bei Spielen an der Seitenlinie sieht.

Ex-Gladbach-Coach Eugen Polanski | picture alliance/GettyImages

Es gibt unfassbar viele menschliche und psychologische Aspekte, mit denen man sich ganz allein auseinandersetzen und mit denen man zurechtkommen muss. Entscheidungen, die im Vorfeld getroffen werden, bei denen man weiß, dass sie im Nachgang von einer Vielzahl von Menschen, die es hinterher besser wissen, zerlegt werden. Das erfordert Überzeugung und Standhaftigkeit, aber immer auch genügend Raum zur Selbstreflektion.

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Die Verantwortung für Träume, sportliche Erfolgsgeschichten oder Abstürze. Es ist eine umfassende Aufgabe, die einen weit vor und weit nach jedem Spiel und jeder Trainingseinheit belastet und bei der man sich in der Regel ganz oft einsam und alleine fühlt.

Trainer in der Menschenmühle Fußball

Bei Vincent Kompany erfordert die Größe der Aufgabe, dass er sich ihr völlig unterwirft und sich für sie aufopfert. Das belegen die Geschichten, die nun rund um seinen Zusammenbruch ans Tageslicht kommen.

Jeder, der selbst schon mal Trainer war, hat das aber längst vermutet: Nächte mit ganz wenig Schlaf, viel Koffein, unregelmäßiges Essen, Stress, Druck und Erwartungen. Viel Macht erfordert viel Verantwortung. Das ist ganz oben nicht anders als ganz unten.

Wie es in einem Trainer aussieht, das beachtet oft niemand | S. Stingl/GettyImages

Auch meine Tage sahen lange so aus, dass ich neben meinen beruflichen Verpflichtungen noch vier bis fünfmal die Woche auf dem Fußballplatz stand, weite Auswärtsfahrten managen musste und Entscheidungen treffen musste, die einzelne Spieler, aber auch den gesamten Mannschaftserfolg beeinflussten. Mit manchen dieser Entscheidungen haderte ich lange und manche verfolgen mich noch heute in meinen Erinnerungen, weil ich bis heute nicht weiß, ob sie richtig oder falsch waren.

Es waren Fußballjahre, in denen ich auf zahlreiche Familienfeiern oder besondere Anlässe verzichten musste, Urlaube absagen musste und wochenlang neben dem Beruf am Limit war. Morgens um 4 Uhr aufstehen, ab 5 Uhr arbeiten bis in den späten Nachmittag, dann lange Autobahnfahrten zum Training, die mit zig Gedanken gefüllt waren, nachts nach Hause kommen, wenn schon alles schläft, und nochmals weiterarbeiten. Monatelang ohne freien Tag, teils inklusive Fußball 90-Stunden-Wochen und mehr. Das gilt erst recht für Profis wie Kompany & Co.

Hansi Flick | DeFodi Images/GettyImages

Vorbereitung, Nachbereitung, Planung, Organisation, Kommunikation – all das gehört dazu und frisst Stunden über Stunden. Zeit, die draußen keiner sieht und die am Ende bei der eigenen Familie oder Hobbies fehlt. Zeit, die man stattdessen mit fremden Familien verbringt, die einen manchmal hinter dem Rücken das Leben schwer machen.

Und Zeit, die draußen keinen juckt. Der Erfolg muss stimmen, ansonsten ist man als Trainer trotz all dieser Opfer die ärmste Sau und schnell auf einem ganz wackeligen Stuhl. Dann ist egal, was man selbst für Opfer bringt.

Mehr Aufmerksamkeit für Trainer

Bei allen sportlichen Entwicklungen einer Mannschaft steht in erster Linie immer der Trainer im Fokus und wird verantwortlich gemacht. Das muss jedem bewusst sein. Wer das bis heute noch nicht gemerkt hat, hat Fußball vermutlich nur beiläufig verfolgt.

Doch die Wahrheit ist eben auch, dass ein Trainer nicht immer an allen Stellschrauben gleichzeitig drehen kann, und dass er, anders als talentierte Nachwuchskicker, nur wenig Raum und Zeit zur Entwicklung erhält. Auch personelle Einschnitte im Leben eines Trainers zählen in dieser Bewertung selten etwas.

All das habe ich selbst schon hinter mir. Gesundheitliche Probleme, ein niedriges Energielevel und familiäre Tiefschläge wie Herzinfarkte von geliebten Menschen vor einem Spieltag – all das ist egal, wenn am Wochenende der Anpfiff ertönt. Zumindest soll es das sein.

Wenn deine Mannschaft nicht abliefert, ist es egal, was du selbst noch neben dem Fußball im Kopf hast, wie befreit du arbeiten kannst und wie allein du mit deinen Gedanken bist.

Kompany-Zusammenbruch ein wichtiges Zeichen

Der Zusammenbruch von Vincent Kompany ist ein erschreckendes Ereignis in der ansonsten so glamourösen Welt des Fußballs. Es zeigt aber auch, wie schnell dieser Sport und all seine Belange an Bedeutung verlieren und ins Abseits rücken können.

Gibt man seinem Körper – egal, ob man Trainer ist oder nicht – nicht die Chance, sich zu erholen und nimmt sich bewusst Momente der Ruhe, wird er sich irgendwann das holen, was er braucht, oder er wird aufgeben.

Ex-Bayern-Coach Julian Nagelsmann | picture alliance/GettyImages

In diesem Licht erscheint auch die Geschichte um Julian Nagelsmann noch einmal in einem ganz anderen Licht. Der ehemalige Bayern-Coach wurde bei seinem Aus in München von vielen dafür öffentlich verteufelt, dass er sich mitten in der Saison einen Kurzurlaub im Skigebiet geleistet hatte.

Doch angesichts der Geschichte Kompanys fragt man sich, ob das damals so gerecht war: Wie soll der Hauptverantwortliche des sportlichen Geschehens seine Energie an sein Team weitergeben, wenn er selbst keine mehr hat? Jürgen Klopp hatte deshalb bei Liverpool einst die Notbremse gezogen.

Wenn die Trainerkraft am Ende ist | Wolverhampton Wanderers FC/GettyImages

Gott tut nichts ohne Grund

Ich bin gläubiger Christ und bin fest davon überzeugt, dass Gott nichts ohne Grund tut. Vielleicht soll der Zusammenbruch von Vincent Kompany den Fußball mit einem neuen Bewusstsein und einem faireren Umgang mit seinen Trainern bewegen. Und dafür hat sich der Herr den am meisten beachteten Trainer des größten Klubs des Landes ausgewählt, um den Staub aus unseren Augen zu rütteln.

Denn seien wir doch mal ehrlich: Das Ekelige an dieser Branche ist doch auch, dass es am Ende niemanden interessiert hätte, wenn anstelle von Kompany irgendein Drittliga-Coach zusammengebrochen wäre. Dann wäre es eine kleine Randnotiz des Wochenendes gewesen.

Wenn der Trainer für den sportlichen Erfolg eines Vereins oder eines Teams im Nachwuchsbereich der wichtigste Mann ist und am Ende immer die große Rechnung tragen muss, wenn es nicht läuft, dann muss man vielleicht genau jetzt damit anfangen, auch an die wichtigsten Menschen in so einem Team zu denken. In guten wie in schlechten Zeiten.

Und vielleicht sollte man sich als Fan künftig auch zwei- oder dreimal überlegen, ob Beleidigungen im Netz oder harsche Kommentare gegenüber Trainern, Spielern oder Funktionären angebracht sind. Davon abgesehen, dass Kritik ohnehin immer mit Niveau und ohne Beleidigungen versehen sein sollte. Denn hinter jedem dieser Akteure steckt immer auch ein Mensch mit ganz persönlichen Problemen, von denen niemand etwas mitbekommt.

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