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Tabellenletzter der Bundesliga: In Gladbach klingt schon die Apokalypse durch
Trainer Alexander Blessin (re.) ist beim 1:2 gegen Hoffenheim überhaupt nicht zufrieden mit seiner Gladbacher Elf.
Trainer Alexander Blessin (re.) ist beim 1:2 gegen Hoffenheim überhaupt nicht zufrieden mit seiner Gladbacher Elf.Fabian Strauch/dpa

Schlimmer als jetzt war die Lage bei Borussia Mönchengladbach nur ein Mal: vor 70 Jahren. In die Oberliga-West-Saison 1956/57 startete der Klub mit 14 Niederlagen. Dabei war damals der Weltmeister-Torwart Toni Turek frisch zur Borussia gewechselt. Er war aber schon 37 Jahre alt, konnte wegen Verletzungen nur viermal spielen und beendete seine Karriere, als Gladbach am Ende jener Saison abgeschlagen in die sogenannte „zweite Division“ abstieg.

Zurück in die triste Gegenwart: Am Sonntagabend hat Gladbach beim 1:2 (0:1) gegen die TSG Hoffenheim im sechsten Saisonspiel zum sechsten Mal verloren. So etwas ist in 64 Jahren Bundesliga nur drei anderen Klubs passiert: 1991 Fortuna Düsseldorf, 2020 Mainz 05 und 2022 dem VfL Bochum. Sollten die Gladbacher am kommenden Freitag auswärts beim VfB Stuttgart verlieren, dann hätten sie einen exklusiven Negativrekord. Die ersten sieben Spiele hat in der Bundesliga noch nie ein Verein verloren. „In Stuttgart geht das Kopfkino los“, prophezeit Borussias Sportchef Rouven Schröder. „Sechs Niederlagen – das macht was mit einem.“

6:1 gegen Leipzig

:Alte Bauernregel: Díaz gut, FC Bayern gut

Beim 6:1 gegen RB Leipzig präsentiert sich der Hattrick-Schütze Luis Díaz in der überragenden Form der Vorsaison. Doch bei seinem Spiel hilft ihm vor allem Michael Olise – der nun gesperrt fehlen wird.

An die Oberliga-West-Saison 1956/57 denkt in Mönchengladbach keiner. Den damaligen Trainer Klaus Dondorf kennt man heute nicht mehr. Bei der Borussia trägt niemand ein Trauma von damals mit sich herum. Umso dringlicher wird mit jeder Niederlage die Frage, was mit dieser Mannschaft eigentlich los ist.

Schröder hatte im Sommer zehn Zugänge geholt. Er hat nach drei Niederlagen den Trainer Eugen Polanski entlassen. Er hat für ein Spiel den Co-Trainer Jan-Moritz Lichte zum Chef gemacht und dann den neuen Coach Alexander Blessin verpflichtet, einen Experten für aggressive Torverhinderung. Aber das hat bislang alles nichts genützt. Das erste Spiel unter Blessin ging in Köln 1:2 verloren, genauso wie jetzt das zweite daheim gegen Hoffenheim. Fast noch schlimmer als die Gladbacher Leistung aber war, was Sportchef Schröder hinterher sagte: „In Köln hatten wir mehr Galligkeit, heute fand ich es ein bisschen zurückhaltender – was extrem ist bei einer verunsicherten Mannschaft: wenn man den Ball nicht haben will.“

In der elften Minute war Hoffenheim durch Bambasé Conté in Führung gegangen. In der 49. Minute glich Wael Mohya für die Borussen aus. Doch nur fünf Minuten später schoss Alexander Prass für die Gäste schon den 2:1-Siegtreffer. „Das ist einfach nicht genug“, urteilte über die Leistung der Mannschaft schroff ihr Kapitän Kevin Diks. Der Torwart Moritz Nicolas sagte: „Ich will niemandem fehlende Einstellung unterstellen.“ Aber genau jene leisen Zweifel klangen in diesem Satz mit.

Mehrere Dinge ärgerten ihn „wahnsinnig“, sagt Gladbachs Trainer Blessin – und beginnt dann aufzuzählen

Als in der Pressekonferenz Trainer Blessin zu seinem Statement ansetzte, atmete er erst einmal sehr tief aus. Dieses Ausatmen hörte sich über das Mikrofon an wie ein schwerer Seufzer. „Wo soll ich anfangen?“, sagte er. So etwas sagt jemand, der bei der Problemlösung gar nicht weiß, womit er beginnen soll.

Mehrere Dinge „ärgern mich wahnsinnig“, sagte Blessin schließlich und begann aufzuzählen: „Inaktivität bei den Gegentoren, Zurückweichen, nicht nach vorne verteidigen, nicht nachdecken, nicht die Position halten.“ Der 53 Jahre alte Schwabe klang wie ein Profitrainer, der im Fußball-Sommercamp Lausejungen coacht. Und sein Ton wurde noch schärfer: „Dieses ständige Nach-hinten-Gespiele, nicht den Arsch in der Hose zu haben, auch mal mutig nach vorn zu spielen.“ Blessin rechnete mit der Gladbacher Mannschaft ab. Nach zwei Spielen. Woran unbedingt zu arbeiten sei: „Zweikämpfe gewinnen, Sicherungspositionen einnehmen, nachverteidigen – jeder muss verstehen, was seine Aufgabe ist.“

Das klang nach Apokalypse. Das klang wie Oberliga West 1956/57. „Es ist mega frustrierend“, gestand auch Sportchef Schröder: „Maximal enttäuschend – aber wir können ja nicht morgen den Laden zusperren, wir müssen versuchen, in die Köpfe reinzukommen, müssen versuchen, Selbstvertrauen einzuflößen – anders wird es nicht funktionieren.“

Dass die Gladbacher Misere auch daran liegt, dass seit Saisonbeginn immer wieder Spieler ausfallen, das wissen sie und sagen es auch. „Mit acht, neun angeschlagenen Spielern ist es schwierig“, gesteht Schröder. Gegen Hoffenheim fielen acht aus, darunter Ko Itakura, Jens Castrop, Franck Honorat und Tim Kleindienst. Der Stürmer Isac Lidberg musste verletzt ausgewechselt werden. Diejenigen, die spielen, lassen sich runterziehen. Schröder will sie wieder aufrichten. „Von außen wünscht man sich vielleicht, dass wir uns jetzt gegenseitig die Schuhe um die Ohren wemsen“, sagte er in saloppem Sauerländer Heimatduktus. „Aber es geht nur über Geschlossenheit!“

Schröder glaubt eher nicht an einen großen Befreiungsknall. „Wir müssen kleine Schritte machen“, sagt er. Genau so klingt auch der Sanierungsplan des Trainers. „Mir macht Mut, dass die Spieler jeden Tag im Training mitziehen und dass sie gewillt sind, alles umzusetzen“, sagte Blessin. Er habe bei Dienstantritt in Gladbach einen Prozess initiiert, aber zur erfolgreichen Umsetzung benötige man nun die erforderlichen Automatismen. „Weil es auf dem Platz jedes Mal in kürzester Zeit um schnelle Entscheidungen geht.“ Das gelinge nur mit guten Abläufen.

Und so begibt sich Gladbach in den nächsten Spielen in Stuttgart, gegen Karlsruhe (Pokal), gegen Paderborn und beim Hamburger SV nicht nur auf die Jagd nach Erfolgen, sondern auch auf die Suche nach Automatismen. 28 Spiele haben sie noch. Dann ist die Saison zu Ende.

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