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Die Wut der Hertha-Fans über den Transfer von Fabian Reese zum VfL Wolfsburg hat weniger mit sportlichem Verrat zu tun – und viel mehr mit der universellen Kränkung, auf Augenhöhe verlassen zu werden.
Meinen ersten und bis heute größten "Fabian-Reese-zu-Wolfsburg-Moment" hatte ich im Sommer 1991. Wobei mein Fabian Reese Katja hieß und mein Wolfsburg Nico. Ansonsten war es: same same, but different.
Wie bei Reese lag auch bei mir eine klassische Liebesgeschichte vor. Ich wollte Katja und Katja auch mich. Aber dann kam Nico und Katja ging. An die genauen Wortlaute erinnere ich mich nicht mehr. Auch für mich ist das Ganze ein paar Jahre her. In meiner Erinnerung aber hatte der Wechsel zu Nico vor allem auch mit Nicos Vater zu tun, der Fahrer eines Autotransporters war und dabei einmal, so die Legende, sogar einen Ferrari geladen hatte.
Ich hätte verstanden, wenn Katja mich für einen Jungen aus einer höheren Klassenstufe eingetauscht hätte. Aber für einen Autotransporter? Die Folgen jedenfalls kann man sich denken. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich auf eine andere Schule wechselte, versuchte ich Katja und Nico das Leben so unangenehm wie möglich zu machen.
Vielleicht sollte sich Fabian Reese deshalb auch einfach geschmeichelt fühlen. Denn sind all die Pfiffe und bösen Internet-Kommentare, die ihn ereilt haben seit seinem Sommer-Wechsel von Hertha BSC zum VfL Wolfsburg, nicht einfach nur die Komplimente von Enttäuschten?
Die Argumente, die im Fall Reese für den Fan-Zorn aufgebracht wurden, sind jedenfalls schnell wiederholt. Wäre er doch in die erste Liga gewechselt, das Volk hätte es ihm nachgesehen. Aber zu Wolfsburg? Einem anderen Zweitliga-Klub? Der vielen Fußball-Traditionalisten wegen seiner engen Verbindung zum VW-Konzern zudem als seelenlos gilt?
Vielleicht sollte sich Fabian Reese deshalb auch einfach geschmeichelt fühlen. Denn sind all die Pfiffe und bösen Internet-Kommentare, die ihn ereilt haben seit seinem Sommer-Wechsel von Hertha BSC zum VfL Wolfsburg, nicht einfach nur die Komplimente von Enttäuschten?
Ilja Behnisch
Dabei ist die Psychologie dahinter so simpel wie rührend. Weil sich so ein Transfer in die Gesetze der Welt einordnen lässt, sofern der geliebte Spieler zu einem allgemein als bedeutend gehandelten Klub wechselt. Das ist der Lauf der Dinge, sagt das Hirn dem Herzen und das dem Nächstbesten, der es hören will. Vielfach eingeübt und anerzogen nicht nur im Leben, sogar in der Menschheitsgeschichte. Früher verlor man an den Adel. Oder an das nächsthöhere Wesen in der Nahrungskette. Jetzt an einen größeren Klub. Sowas.
Aber ein Wechsel auf Augenhöhe? Nach Wolfsburg gar? Das lässt einen schmerzhaft die eigene Bedeutungslosigkeit erahnen. Es ist, als verweigere der Spieler die gemeinsame Erzählung. Als trete er statt in den Olymp einfach nur zur Seite. Weil dort ein bisschen mehr Geld rumliegt. Es ist, als würde man statt für einen Filmstar für einen Nachbarn verlassen werden. Oder für Nico, weil dessen Papa der Fahrer eines Autolasters ist.
Natürlich habe ich Katja auch danach noch geliebt. Und vielleicht lieben die Hertha-Fans auch immer noch ihren Fabian Reese. Ganz bestimmt aber die Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Und so pfeifen sie. Und Reese? Darf sich geschmeichelt fühlen.