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Ans Netz gehen, den Punkt suchen, sich nicht wegducken: Martina Navratilova hat Tennis mit einer Entschlossenheit gespielt, die weit über den Platz hinaus ausstrahlte. Am heutigen 18. Oktober wird sie 70 Jahre alt. Ihre neun Wimbledon-Siege im Einzel sind bis heute unerreicht. Für viele lesbische Frauen wurde sie zugleich zu einem Gesicht der Sichtbarkeit – lange bevor ein Coming-Out im Spitzensport als Karrieregeschichte mit glücklichem Ende erzählt werden konnte.
1975 bat Navratilova während der US Open um politisches Asyl in den USA. Sie war 18 und ließ die kommunistische Tschechoslowakei hinter sich. Die Entscheidung bedeutete Freiheit für ihre Karriere, aber auch eine Trennung von ihrer Familie und ihrem bisherigen Leben. 1981 erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft.
Im selben Jahr wurde ihre Liebe zu Frauen öffentlich. Zunächst bezeichnete sie sich als bisexuell, später als lesbisch. Das war im damaligen Profisport ein enormes Risiko. Die Angst vor abspringenden Sponsoren und einer beschädigten Karriere stand im Raum. Navratilova blieb trotzdem sichtbar. Sie gewann nicht nur Turniere, sondern widersprach auch der Erwartung, ihre Beziehungen besser zu verschweigen.
Auf dem Rasen wurde die Linkshänderin mit ihrem Angriffsspiel zur Ausnahmeerscheinung. Sie servierte, rückte vor und setzte ihre Gegnerinnen am Netz unter Druck. Athletik und Fitness waren zentrale Bestandteile ihres Erfolgs. Die Rivalität mit Chris Evert prägte eine ganze Tennisära: 80-mal standen die beiden einander gegenüber, 43-mal gewann Navratilova.
Ihre Bilanz auf der Tour umfasst 167 Einzeltitel und 177 Doppeltitel. Auch nach dem Ende ihrer großen Einzelkarriere blieb sie gefährlich. 2006 holte sie mit Bob Bryan den Mixed-Titel bei den US Open – wenige Wochen vor ihrem 50. Geburtstag. Ein Abschied, der zu einer Spielerin passte, die Grenzen gern selbst verschob.
Auch privat blieb Navratilova öffentlich. Bei den US Open 2014 machte sie ihrer Partnerin Julia Lemigova einen Heiratsantrag. Noch im selben Jahr heirateten die beiden in New York. 2024 wurden sie durch die Adoption zweier Jungen erneut Eltern; Lemigova brachte bereits zwei Töchter mit in die Familie.
Ihre Ehe steht für einen gesellschaftlichen Wandel, den Navratilova selbst mit erkämpft hat: Aus dem vermeintlichen Karriererisiko einer offen lesbischen Sportlerin wurde die Selbstverständlichkeit, von der eigenen Frau und Familie zu sprechen.
Zur Geschichte der Jubilarin gehört allerdings auch ein Konflikt, der ihren Ruf innerhalb der LGBTIQ+-Community verändert hat. Navratilova lehnt die Teilnahme von trans* Frauen am Frauensport ab und begründet das mit Fairness und körperlichen Vorteilen. Kritikerinnen und Kritiker werfen ihr vor, trans* Athletinnen auszugrenzen. Auch mit Billie Jean King geriet sie darüber öffentlich aneinander; King setzt sich für deren Teilhabe ein. Mehr dazu in der Debatte zwischen den beiden Tennislegenden.
Der Streit reicht inzwischen bis zu den umstrittenen Geschlechtstests im Tennis. Er zeigt, wie weit die Vorstellungen von Gleichberechtigung auch unter früheren Weggefährtinnen auseinanderliegen können.
Mit 70 ist Martina Navratilova deshalb eine herausragende Sportlerin, eine Wegbereiterin lesbischer Sichtbarkeit und eine streitbare öffentliche Figur. Ihre Siege bleiben Teil der Tennisgeschichte. Ihr Mut von damals bleibt bedeutsam. Und ihre heutigen Positionen bleiben Gegenstand des Widerspruchs.