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Edeltraud Hanappi-Egger: In Fußball-Fanclubs finden Menschen unterschiedlicher Herkunft, sozialer Schicht, Altersgruppen, Lebensentwürfe und Weltanschauungen zusammen. Sie eint die Liebe zu einem Verein, und sie leben Solidarität, wie wir sie kaum noch in unserer Gesellschaft vorfinden. Fußball in all seiner Popularität dient also als eine Gemeinschaft, bietet Platz für viele verschiedene Menschen.
Was suchen Menschen in Fanclubs? Geht es hier rein um den Sport oder steckt mehr dahinter?
Die Motivation, ein Fußballfan zu werden, kann sehr unterschiedlich sein: Manche gehen wegen den Stadionerlebnissen zu Spielen, andere wurden schon von Eltern oder Großeltern mitgenommen und sind dabei geblieben. Die meisten Fans brennen für einen bestimmten Verein. Für die, die sich sogar in einem Club organisieren, geht es dabei um viel mehr, z.B. darum, Teil eines Großen, einer Gemeinschaft zu sein, die sich mit dem Verein identifiziert. Da spielt Leidenschaft eine Rolle, ebenso Sinnstiftung und Zugehörigkeitsgefühle.
Fanclubs bei Fußballvereinen sind immer noch sehr männer-dominiert. Warum ist das so? Wie könnte man das ändern?
Auch wenn Frauen schon früh Fußball gespielt haben und auch Fans waren, sind weibliche Fans noch immer, v.a. im Profifußball der Männer, eine Minderheit. Das liegt meines Erachtens schon in der Ursprungsgeschichte begründet, in der Fußball massiv durch bestimmte Männlichkeitscharakteristika geprägt wurde: kämpferisch, hart im Nehmen, ehrgeizig, aggressiv. Das prägt auch die Kultur der Fanclubs, die oft sehr hierarchisch organisiert sind. Außerdem braucht echtes Fantum sehr viel Zeit, Energie und Ressourcen – das lässt sich für Frauen aufgrund der gesellschaftlichen vergeschlechtlichten Verantwortungsbereiche schwerer vereinbaren. Fußball der Frauen ist ein wichtiger Schritt, auch mehr Frauen als Fans anzusprechen. Und wie in allen anderen Bereichen auch, braucht es Vorbilder und Sichtbarkeit von Frauen in den Institutionen, die ermutigen und zeigen, wie viel Spaß Fußballfantum machen kann.
Ein großer Fußballverein ist heute ein Unternehmen, das nach Gewinn und Erfolg strebt. Wie weit lässt sich das Modell eines Mitgliedervereins mit diesen wirtschaftlichen Anforderungen überhaupt noch vereinen?
Die Kommerzentwicklung des Profifußballs ist bei den Fans auch international in der Kritik, weil viele Fußball noch immer als Sport für alle sehen wollen. Fans spielen selbstverständlich auch aus ökonomischer Sicht eine wichtige Rolle, d.h. es kann gar nicht auf sie verzichtet werden. In den Mitgliedervereinen sind Fans und Unterstützende noch sehr nahe am Geschehen, während in Investorenvereinen halt stark das Geld regiert und Fans als Konsumenten und Konsumentinnen betrachtet werden. Weder das eine noch das andere Modell ist ein Garant für sportlichen Erfolg, aber gesellschaftliche Verantwortung ist sicher bei Mitgliedervereinen ausgeprägter. Und weil Fußball auch soziale Wirksamkeit hat, bieten gerade Mitgliedervereine wichtige Räume für gesellschaftliche Entwicklungen. Daher ist es wichtig, dass es abseits von Investoren öffentliche und private Geldgeber gibt, die gerade das fördern wollen.
Wie viel Macht sollten Fanclubs in einem Mitgliederverein haben?
Hier muss unterschieden werden, wovon genau die Rede ist: Vereinsgeschehen wird ja ausschließlich von Mitgliedern, die Wahl- und Entscheidungsrechte haben, mitbestimmt. Das wird in den Statuten geregelt. Fans wollen aber oft gar nicht Mitglieder im Verein sein, sondern bilden eigene, unabhängige, autonome Institutionen und bestimmen formal dann auch nicht mit. Durch ihre Sichtbarkeit im semi-öffentlichen Raum, die ihnen vor allem durch die Medien beschert wird, erhalten sie aber auch informelle Macht, indem sie z.B. ihrem Unmut Ausdruck verleihen. Aber prinzipiell sind Fans ganz ganz wichtige Stakeholder, mit denen der Verein im Dialog bleiben sollte.
Wann endet gesunde Fankultur und wo beginnt Fanatismus? Kann das auch von außen beeinflusst werden?
Da es beim Fußball immer um Leidenschaft und viel Emotionalität geht, liegt Himmelhoch-Jauchzend und Zu-Tode-Betrübt eng beieinander. Dann kann Euphorie auch schnell in Aggressivität umschlagen und es zu Eskalationen kommen, vor allem wenn das eine Handvoll gewaltbereite Personen für sich nutzt. Daher müssen rote Linien gezogen und Sanktionen bei Überschreitungen gesetzt werden, um als Verein den Fans zu signalisieren, was inakzeptables Verhalten ist. Trotzdem gilt es, immer wieder im Dialog zu bleiben, um Lernen zu ermöglichen.
Sie erforschen Fanclubs wissenschaftlich und sind gleichzeitig Funktionärin bei Rapid. Was sieht man als Forscherin, das man als Vereinsfunktionärin vielleicht anders wahrnimmt – und umgekehrt?
Meine Doppelrolle ermöglicht mir, immer wieder einen kühlen wissenschaftlichen Blick auf die Geschehnisse zu lenken und theoretisch fundierte Lösungen für Probleme zu entwickeln. Die Seite als Funktionärin – und Fan– erlaubt mir, die tiefe emotionale Bedeutung von Fußball zu begreifen und damit die Vielschichtigkeit der Themen im Verein zu sehen. Gerade diese Kombination macht meine Arbeit auf beiden Gebieten so interessant und lustvoll.