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Auch am ganz späten Samstagabend machte Konstantinos Karetsas‘ Gesundheitszustand nicht unbedingt Hoffnung. Der Grieche stieg am Dortmunder Flughafen an Krücken aus der Maschine, die Borussia Dortmunds Profis zum Auswärtsspiel bei Union Berlin (0:0) zurück ins Ruhrgebiet brachte. Das Auftreten mit dem rechten Fuß? Mindestens mal schmerzhaft. Womöglich auch riskant.
Karetsas erlebte zuvor an der Alten Försterei einen Nachmittag zum Vergessen. Der 18-Jährige saß lange auf der Bank. Als Niko Kovac das Offensivjuwel endlich von der Leine ließ, war das Vergnügen nur kurz. Nach sechs Minuten knickte Karetsas um und wälzte sich am Boden. Anschließend humpelte er gestützt von zwei Betreuern in die Kabine, die Eispacks am Sprunggelenk sollten die Schwellung zurückdrängen und Schmerzen lindern.
„Wir hoffen, dass es nicht ganz so schlimm ist“, sagte Sportdirektor Ole Book, der aber auch feststellen musste: „Er fühlt sich jetzt gerade nicht gut.“ Eine konkrete Diagnose war am Sonntag zunächst noch offen. Die Eindrücke aus Berlin-Köpenick aber deuteten darauf hin, dass der BVB in der ersten ganz heißen Saisonphase einen nächsten Ausfall hinnehmen muss – einen, der sich nur schwer kompensieren lässt.
Zur Erinnerung: Etwas mehr als eine Halbzeit lang waren der BVB und sein Umfeld euphorisiert vom griechischen Doppelpass zwischen Karetsas und Giannis Konstantelias. Es war ein verheißungsvoller Start in die Bundesliga-Saison beim 2:0 gegen den Hamburger SV. Und dann riss neben Konstantelias‘ Kreuzband auch die Euphorie im Klub abrupt ab. Statt feinem Kreativfußball lieferte der BVB zum Saisonstart zwar Ergebnis um Ergebnis, aber keine Begeisterung. Die Profis bissen sich an tiefen Abwehrreihen regelmäßig die Zähne aus. In Person von Karetsas dürfte nun der nächste Attraktivitätsfaktor bis auf Weiteres wegbrechen.
Das Union-Spiel, bei dem Karetsas aus der Startelf rotiert war, brachte weitere Beispiele für Dortmunds Offensivproblem. „Wir haben im letzten Drittel unsere Dinge, die wir nicht gutmachen, wo wir eine falsche Entscheidung treffen“, sagte Abwehrchef Waldemar Anton. Trainer Niko Kovac vermisste „die nötige Präzision und Schnelligkeit in der Box“. Die Abläufe habe man nicht wie geplant umsetzen können. „Es wäre möglich gewesen, die Tiefe, den Rücken des Gegners zu attackieren, ihn letzten Endes auch aus der Bahn zu bringen und die Kette zu sprengen.“
Sportdirektor Book beklagte fehlenden Mut: „Um die Tiefe zu bespielen, muss man auf dem ganzen Feld ein bisschen mutiger Fußball spielen. Damit haben wir viel zu spät angefangen. Das Problem ist: Immer wenn wir mutiger werden, spielen wir auch echt guten Fußball, können den Gegner unter Druck setzen.“ Das habe man nach Rückstand bei Bodö/Glimt (0:1) und auch bei Union gesehen, „als wir das Gefühl hatten, die Zeit läuft uns weg“. Díes sei das Thema, dem man sich widmen müssen, forderte Book.
Im Kern geht es auch darum, die trotz des womöglich längeren Karetsas-Aus vorhandene individuelle Qualität ins Spiel zu bringen. Einer, auf den es dabei ankommt, ist Ethan Nwaneri. Der Engländer, 19, war nach der Konstantelias-Verletzung als potenzielle Soforthilfe vom FC Arsenal ausgeliehen worden. Nun muss er gleich für beide Griechen in die Bresche springen. Schon am Dienstag geht es in der Champions League bei Sabah FK (18.45 Uhr/DAZN) in Aserbaidschan weiter.
Trainer Kovac kündigte nach dessen Verpflichtung einen Spielidee-Crashkurs für Nwaneri an. Bisher scheint davon noch nicht alles vermittelt worden zu sein – was angesichts fehlender gemeinsamer Trainingszeit und einer langen Länderspielpause auch nachvollziehbar ist. Dem Techniker fehlt noch die Bindung ins Spiel, er kommt selten in die richtigen Positionen, in die Duelle, in denen er gefährlich sein kann. „Ihm fehlt so ein bisschen der Brustlöser“, meinte Sport-Geschäftsführer Lars Ricken. Auf das erste Tor wartet Nwaneri noch. „Wir werden ihn brauchen, deswegen werden wir ihn weiterhin voll unterstützen, gerade jetzt, wenn Karetsas vielleicht ausfallen wird“, so Ricken. Und wen noch?
Die beiden Österreicher Marcel Sabitzer und Carney Chukwuemeka bleiben Alternativen mit Stärken, aber auch klar zu benennenden Schwächen. Für die Zukunft stehen andere. Während Samuele Inacio nach einem schwachen Auftritt in Bodö 90 Minuten auf der Bank schmorte, kam Mathis Albert, 17, als Einwechselspieler für Karetsas zu seinem zweiten Bundesliga-Spiel. Der US-Teenager war unter der Woche bereits überschwänglich von Book gelobt worden. „Er hat etwas wirklich Besonderes an sich. Er ist ein Spieler, der es liebt, Gegner in Zweikampfsituationen mutig anzugehen. Das ist im Grunde etwas, von dem man nie genug haben kann“, sagte Book bei Sky. Also genau die Eigenschaften, die dem BVB nicht nur bei Union so sehr gefehlt haben.