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In der Chico-Arena am Elbdeich in Ochsenwerder herrschte am Dienstagabend gute Stimmung. Beim ersten Fanclub-Besuch des Abendblatt-Podcasts „HSV, wir müssen reden“ ging es auf der Bühne und im Publikum um die aktuelle sportliche Lage im Volkspark, Trainer Merlin Polzin und auch die Spielweise des HSV. Vorstandsmitglied Peter Stut sagte dabei das, was aktuell in vielen Fankreisen und Foren diskutiert wird: „Mein Fanherz wünscht sich, dass wir offensiver spielen.“
Der HSV-Fan ist mit diesem Wunsch nicht allein. Der aktuell wohl größte Kritikpunkt vieler Anhänger drückt sich auch in Zahlen aus. In fast allen relevanten Statistiken, die eine offensive Spielidee untermauern (Tore, Torschüsse, x-Goals), liegt der HSV auf den letzten drei Plätzen. Insbesondere bei den Expected Goals (xG), also den statistisch erwartbaren Toren, liegt nur der FC Schalke 04 hinter dem HSV.
Dabei hatten viele Fans auf einen attraktiveren HSV-Fußball gehofft, als die Hamburger im Sommer mit den Transfers von Fabio Vieira, Albert Grönbaek oder Zakaria El Ouahdi das Zeichen gesendet hatten, den offensiven Ansatz der Mannschaft zu stärken.
Nach dem Fehlstart in die Saison mit drei Niederlagen (0:12 Tore) musste Polzin aber zunächst zurückkehren zu den Basics. Das bedeutet: zu einer kompakten Defensive und einer hohen Bereitschaft in der Arbeit gegen den Ball. Genau in dieser Phase holte der HSV drei Siege in Folge. Auch wenn diese Spiele angesichts der Chancenverhältnisse auch anders hätten ausgehen können, verdiente sich der HSV die Punkte durch eine große Leidenschaft.
Und genau hier liegt die Lösung für die Debatte. Der HSV braucht keinen schönen Fußball, sondern erfolgreichen. Welcher Weg dazu führt, ist nicht entscheidend. Polzin muss seine Mannschaft davon überzeugen, dass der jeweilige Matchplan gegen den jeweiligen Gegner der richtige ist. Wenn ein defensiver und sogar destruktiver Ansatz bei einem Aufsteiger wie Paderborn zu Punkten führt, hat Polzin alles richtig gemacht. Wenn Passivität allerdings dazu führt, dass die Punkte ausbleiben, bekommt Polzin ein Problem.
Dabei hätte auch der Matchplan in Paderborn zum Erfolg führen können, wenn der HSV in den entscheidenden Spielmomenten sauberer und klarer den Weg zum Tor gesucht hätte. Hat er aber nicht. Daher musste sich auch Polzin zu Recht den Vorwurf gefallen lassen, dass eine mutigere Spielweise an diesem Tag zielführender gewesen wäre.
Die Debatte jetzt wieder allein auf Vierer- oder Fünferkette zu reduzieren, greift allerdings zu kurz. Schließlich hat der HSV mit dieser Anordnung auch in der vergangenen Saison in vielen Partien nicht nur erfolgreichen, sondern auch attraktiven Fußball gespielt. Zu verweisen sei an dieser Stelle auf eine Aussage von Borussia Dortmunds Kapitän Nico Schlotterbeck, der nach dem 2:2 beim FC Bayern München vor einer Woche auf die erstmalige Umstellung auf eine Viererkette nach anderthalb Jahren angesprochen wurde. Der BVB-Star sagte: „Es heißt immer, wir spielen nicht den besten Fußball, aber wir haben eine unglaublich kompakte Defensive. Es geht nicht um die Formation, sondern um Intensität und die Lust, Duelle zu gewinnen.“
Das muss auch weiterhin der Ansatz des HSV sein. Bei der Zahl der gewonnenen Zweikämpfe belegt der Club Rang neun der Liga. Gewinnt der HSV mehr direkte Duelle als der Gegner, gewinnt er in der Regel auch das Spiel. Dennoch darf Polzin in Spielphasen auch wieder mutiger angreifen lassen, höher verteidigen und höher pressen. Insbesondere in einem Heimspiel gegen einen personell angeschlagenen Tabellenletzten wie Borussia Mönchengladbach sollte der HSV die aktivere und offensiver ausgerichtete Mannschaft sein.
Vom HSV in der Bundesliga einen bedingungslosen Angriffs- oder Ballbesitzfußball zu fordern, wäre trotz technisch beschlagener Spieler wie Vieira oder Grönbaek weiterhin nicht der zielführende Weg. Wichtiger ist, die offensiven Spieler weiterhin von diesem Weg zu überzeugen. Sollten Techniker wie Vieira oder Grönbaek das Gefühl bekommen, sie müssten fast ausschließlich gegen den Ball arbeiten, könnten sie den Spaß verlieren und sich mit dem Trainerteam entfremden.
So erging es Steffen Baumgart, der in seiner Zeit beim HSV trotz eines auf Ballbesitzfußball ausgerichteten Kaders versuchte, den Schwerpunkt auf die Verteidigung zu legen. Mit diesem Ansatz verlor er den Rückhalt in Teilen der Mannschaft. Polzin übernahm und führte den HSV mit einem offensiven Ansatz zurück in die Bundesliga.
Das Trainerteam hat bereits mehrfach gezeigt, dass auch diese Spielidee zu seinem Repertoire gehört. Nun muss der HSV diesen Ansatz zumindest phasenweise wieder zeigen. Angefangen zum Beispiel am Freitagabend gegen Borussia Mönchengladbach. Die Fanherzen gewinnt Polzin aber letztlich nur durch eines: Siege.