flag
back Zurück
Demut: Warum ein Organspendeausweis in der Tasche das Mindeste ist

Wer nur Erfolge sieht, übersieht, welche Hindernisse Sportler auf ihrem Weg überwinden. Manchmal entsteht aus dem schrecklichsten Verlust eine neue Lebenschance. Diese Botschaft kommt zu selten an.

Kein Hindernis zu hoch: Rosina Schneider

Demut. Davon ist in jüngster Zeit auch im Sport so häufig die Rede. Darüber sprechen Menschen, die gerade alles gewonnen haben, was man gewinnen kann. Gold bei Olympischen Spielen, eine Weltmeisterschaft, den Ironman auf Hawaii. Dass man jederzeit demütig sein müsse. Andere behaupten, in Deutschland fehle es daran, auch unter Spitzensportlern. Wie lernt man Demut?

Vom Leben. So hat das Rosina Schneider am Mittwoch nicht gesagt. Das war nicht nötig. Es reichte, die gemeinsame Geschichte ihrer Familie zu hören, auch die einer Mutter über ihre tödlich verunglückte Tochter. Erzählt auf dem Podium des Vereins Kinderhilfe Organtransplantation – Sportler für Organspenden (KiO) im F.A.Z.-Tower. Vor Weltmeistern und Olympiasiegern von Rang und Namen. Da blieb kein Auge tränenleer.

F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen

Über alle Hindernisse hinweg

Dass Rosina Schneider abseits der Bühne zu den schnellsten Hürdensprinterinnen Deutschlands gehört, mag man als Symbolik betrachten. Wie leicht sie über die Barrieren hinwegfliegt! Nichts zu sehen in Filmaufnahmen von der harten Arbeit, die dazu nötig ist. Nichts von den gewaltigen, unüberwindbar scheinenden Hindernissen, die das Leben ihr, ihren nächsten Verwandten in den Weg stellt abseits der Tartanbahn.

Ihr Bruder ist transplantiert. Fröhlich erzählt er von seiner Freude an seinen Leichtathletik-Wettkämpfen unter Leidensgenossen. Die Mutter schwenkt als Fan beredt die Fahne, wo immer es geht. Sie reckt auf der Bühne den „Lebenskreis“ von KiO und dem Verein Junge Helden, eine Acrylstele mit zwei Halbkreisen als Zeichen für Organspendenbereitschaft, in die Höhe, die Augen zum Himmel über der Saaldecke gerichtet.

„Der Kreis schließt sich“

Der Verein dankt auf diese Art Organspendern. Vater Schneider hatte bei einem Motorradunfall einen Unterschenkel verloren und war in der Folge wenige Jahre später nach dem Riss eines Aneurysmas fern der Heimat ins Koma gefallen. Fünf Menschen leben nun von ihm. Ein Glück im Unglück der anderen.

Vor 30 Jahren hatte der verstorbene Automobil-Manager, Sportfunktionär und Tischtennis-Nationalspieler Hans Wilhelm Gäb „Sportler für Organspenden“ gegründet. KiO versucht, die Not transplantierter Kinder, der Eltern und Geschwister zu lindern, Angehörigen von Spendern eine Bühne zu bieten für ein würdiges Gedenken. „Der Kreis schließt sich“, sagt Rosinas Mutter, ohne stellvertretend für alle Betroffenen sagen zu müssen, wie aus dem größten, dem unwiederbringlichen, schrecklichsten Verlust etwas entsteht: nicht weniger als eine Lebenschance.

Niemand muss an diesem Abend von Demut sprechen. Sie füllt den Saal. Aber das reicht nicht. Draußen ist die Botschaft noch lange nicht ausreichend angekommen: Ein Organspendeausweis in der Brusttasche ist doch das Mindeste. Etwa im Sinne der jungen, ehrenamtlichen KiO-Mitarbeiterin, die mit einer herztransplantierten Freundin lustig ihr Engagement erläutert, eine Sonde in der Nase, damit sie ausreichend Sauerstoff erhält. Die Studentin wartet auf eine Spenderlunge – „seit sechs Jahren“.

Könnte Ihnen gefallen

Vater stirbt bei Unfall und rettet 5 Leben: Seine Tochter ist Europameisterin

FNP vor 1 Tag