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Besondere Spielumstände erfordern besondere Maßnahmen. Daher trommelte Niko Kovac seine Mannschaft noch einmal nach Mitternacht im Aspmyra Stadion zusammen. Borussia Dortmunds Profis sollten ihr Auslaufprogramm kurz nach Abpfiff in Norwegen abspulen. Aus praktischen Gründen: Im Herbst-Reisestress spart man sich so einen Arbeitstag.
Spielersatztraining unter Polarlicht, im Grunde genommen eine romantische Vorstellung. Die Stimmung aber dürfte eher frostig gewesen sein nach einem peinlichen Auftritt in Bodö. Der BVB unterlag am Mittwochabend im zweiten Champions-League-Spiel dieser Saison mit 0:1 (0:0). Ein Auftritt, der unangenehme Fragen aufgeworfen hat. Vor allem an Kovac, der sich mit einem taktischen Fehlgriff selbst das Hineinfeiern in seinen 55. Geburtstag am Donnerstag vermieste. „Ich“, sagte Kovac, ganz in Schwarz gekleidet und mit leiser, ruhiger Stimme, „übernehme dafür die volle Verantwortung.“
Der BVB-Coach meinte damit die erste Stunde der Partie, in der seine Mannschaft überhaupt nicht stattgefunden habe. „Wir waren mit dem Ball nicht gut, gegen den Ball nicht, haben zu viele Chancen zugelassen. Wir haben verdient verloren“, lautete seine vernichtende Analyse. Der Favoritenschreck aus dem hohen Norden zeigte hingegen genau das, was die fahrigen Dortmunder vermissen ließen. „Wir waren einfach nicht präsent. Der Gegner war viel griffiger. Du musst die nötige Intensität, die nötige Aggressivität im Zweikampf haben“, analysierte Kovac.
Noch viel schwächer allerdings war das, was der BVB selbst für das Spiel tat. „Du musst auch im Ballbesitz den Ball besser verarbeiten und vor allem die Tiefe attackieren. Das hat der Gegner richtig gut gemacht. Wenn du jeden Ball nur in den Fuß verlangst, aber nie die Tiefe attackierst, sodass du den Gegner in Schwierigkeiten bringst, dass du die Kette sprengst, dann ist das relativ einfach zu verteidigen“, schimpfte er. Nach einer Stunde, nach dem 0:1 von Fredrik Sjövold, korrigierte Kovac seine Aufstellung, nachdem er mit der Startelf gründlich danebengelegen hatte. Fabio Silva, Samuele Inacio, Joey Veerman und Konstantinos Karetsas mussten raus. Dafür kamen Felix Nmecha, Serhou Guirassy, Ethan Nwaneri und Julian Ryerson. Es wurde zwar besser, aber noch lange nicht gut.
„Dass wir es heute nicht gut gemacht haben, will ich nicht auf die Jungs beziehen, die gespielt haben“, sagte Kovac. „Wir haben mit den Spielern heute nicht richtig gelegen. Ich bin derjenige, der das entschieden hat. Von daher könnt ihr auf mich schimpfen.“
Die Dortmunder kassierten damit den zweiten empfindlichen Rückschlag nach dem 2:2 gegen Werder Bremen. Am Freitagabend hatte der BVB in den letzten Minuten noch einen 2:0-Vorsprung und damit einen sicher geglaubten, wenngleich zäh erspielten Sieg aus der Hand gegeben. Einen Trend wollte Kovac nicht erkennen. „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“, meinte er. „Es war das erste richtig schlechte Spiel. Das will ich jetzt nicht überbewerten und versuchen, da etwas reinzuinterpretieren.“
Grundsätzlich lag Kovac damit ja auch richtig. Ein paar unbequeme Wahrheiten über die Niederlage in Bodö, wo so manche Top-Mannschaft bereits gestolpert ist, ließen sich aber nicht verbergen. Symptome wie am Mittwochabend hatte der BVB zwar nicht über die volle Spielzeit, aber immer wieder phasenweise in dieser Saison gezeigt. Dass Kovac fehlende Basics monieren muss, ist ebenfalls ein wiederkehrendes Phänomen, besonders in der Königsklasse. Und auch, dass in Form von Bodö der erste starke Gegner (formschwache Stuttgarter ausgenommen) gleich zum Problem für den BVB wurde. Was das für die Saison bedeutet?
Der Klub hatte sich nach dem Play-off-Scheitern im Februar eine Menge für die finanziell wichtige und prestigeträchtige Königsklasse vorgenommen. Die Chancen auf den direkten Achtelfinal-Einzug erhielten in Norwegen nun einen Dämpfer. Sport-Geschäftsführer Lars Ricken war dennoch um Sachlichkeit bemüht. „Wir haben erst den zweiten Spieltag“, sagte er. Am kommenden Dienstag muss der BVB die Pflichtaufgabe bei FK Sabah in Aserbaidschan lösen. „Sollten wir das gewinnen, sieht die Tabelle mit sechs Punkten auch schon wieder ganz anders aus. Wir sollten uns noch keine Gedanken darüber machen, wie die Tabelle im Januar aussieht“, so Ricken. Nur weiß ja auch der 50-Jährige, dass man für die noch folgenden Duelle mit dem FC Arsenal, Aston Villa und Inter Mailand ein Punktepolster benötigt.
„Wir werden die richtigen Schlüsse ziehen“, resümierte Ricken. Möglichst schnell. Am Samstagnachmittag gastiert der BVB bei Union Berlin und muss aufpassen, dass die Stimmung nach dem Bremen-Bodö-Doppelpack nicht kippt.