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Manuel Neuer ist dem FC Bayern in der aktuellen Verfassung keine Hilfe - und sollte mindestens bis zu einer vollständigen Genesung Platz machen für Jonas Urbig. Ein Kommentar.
Es ging fast ein bisschen unter in dem ganzen Lobgesang über die beeindruckende Leistung des FC Bayern beim 2:0-Sieg gegen Atletico Madrid am Dienstag. Aber unmittelbar nach Abpfiff machte Manuel Neuer ein bemerkenswertes Geständnis. Der 40-Jährige hatte in Madrid sein Comeback gegeben, nachdem er wegen einer Sehnenreizung im rechten Fuß mal wieder drei Spiele verpasst hatte.
Er habe "jeden Tag Schmerzen beim Gehen gehabt", gab Neuer zu, "heute Morgen auch". Wann er sich sicher gewesen sei, dass er sicher spielen könne? "Ich würde sagen beim Aufwärmen." Man könnte jetzt einwenden: Beeindruckend, wie sich Neuer als Kapitän selbst im hohen Fußballeralter für den FC Bayern aufopfert! Tatsächlich schadet der 40-Jährige mit diesem unverantwortlichen Verhalten aber seinem Arbeitgeber, sich selbst und seinem Vertreter Jonas Urbig.
Gegen Atletico hielt Neuer zwar bis zum Ende durch. Schon bei der darauffolgenden Partie gegen den FSV Mainz 05 (2:1) am Samstag, bei der er zum ältesten Bundesligaspieler in der Geschichte des FC Bayern avancierte, brach die alte Verletzung im lädierten rechten Fuß ohne ersichtliche gegnerische Einwirkung wieder auf. Nach einer kurzen Behandlungspause wurde er Ende der ersten Halbzeit für Urbig ausgewechselt.
Es ist offensichtlich, dass seine Verletzung noch nicht ausgeheilt war und er somit zu früh auf den Platz zurückgekehrt ist - und das nicht zum ersten Mal. Nachdem er im Oktober zwei Spiele gefehlt hatte, lief er gegen den FC Arsenal wieder auf, nur um dann erneut drei Partien zu verpassen, ehe er gegen Atletico spielte und nun wieder ausfällt. Eine Diagnose steht noch aus, Joshua Kimmich rechnet mit "etwas Ernsthaftem".
Ein derartiger Einsatz-Poker, wie ihn Neuer in den vergangenen Wochen hinlegte, würde bei einem Leistungsträger vor einem wichtigen Endspiel vielleicht Sinn machen. Nicht aber bei einem aktuell ersetzbaren Spieler in der Frühphase der Saison. Aaron Danks (beziehungsweise Vincent Kompany, sofern er im Zuge der Länderspielphase zurückkehrt) muss dieses Theater jetzt sofort beenden und Urbig zum Stammkeeper machen. Zumindest bis Neuer wieder vollkommen fit und gänzlich schmerzfrei ist.
Rein sportlich spricht aktuell sowieso alles für Urbig. Der 23-Jährige hat bei seinen Einsätzen in dieser Saison insgesamt einen besseren Eindruck hinterlassen als Neuer. Mit einem üblen Fehlpass beim Duell mit dem FC Augsburg (2:2) ermöglichte Neuer neulich den schnellsten Treffer der Bundesligageschichte. Derartige Schnitzer im Spielaufbau leistete er sich in den vergangenen Monaten immer wieder. Auch am zweiten Gegentor gegen Augsburg hatte Neuer seinen Anteil.
In Mainz verschuldete er unmittelbar vor seiner Auswechslung den vermeintlichen Ausgleich, als er an einer Freistoß-Flanke vorbeisegelte. Zu seinem Glück wurde dem Treffer wegen einer knappen Abseitsstellung des Torschützen Jae-Sung Lee nach VAR-Intervention die Anerkennung verwehrt.
Neuer ist weiterhin zu absoluten Glanzleistungen fähig und das ist in seinem Alter höchst beeindruckend. In der vergangenen Saison parierte er beispielsweise grandios gegen Real Madrid und Paris Saint-Germain, zuletzt überzeugte er gegen Union Berlin und Arsenal. In seiner aktuellen Verfassung fehlt ihm im Gegensatz zu Urbig aber jegliche Verlässlichkeit.
Mit Auftritten wie gegen Augsburg oder Mainz beschädigt er letztlich nur sein eigenes Denkmal, das schon mit seinem unnötigen DFB-Comeback bei der Weltmeisterschaft im Sommer Kratzer bekommen hat. Ihn nun vorerst aus der Startelf zu nehmen, würde diesem Denkmal deutlich weniger schaden als weitere Patzer oder verletzungsbedingte Auswechslungen mit Ansage. Neuer muss vor sich selbst und seinem bewundernswerten, aber gleichzeitig auch ein bisschen selbstzerstörerischen Ehrgeiz geschützt werden. Man muss zudem kein Arzt sein, um zu wissen: Wenn Verletzungen nicht ausheilen, drohen chronische Probleme.
Urbig würde eine vorläufige Berufung zum Stammkeeper gleichzeitig die permanente Ungewissheit nehmen. Es ist jedenfalls nicht leistungsförderlich, ohne entsprechende Vorbereitung zum Einsatz zu kommen (vom erhöhten Verletzungsrisiko mal ganz abgesehen). So wäre es gewesen, wenn Neuer nach dem Aufwärmen in Madrid den Daumen gesenkt hätte - wie es seinen Worten zu schließen offenbar einkalkuliert war. So war es dann in Mainz, als Urbig letztlich ohne eigenes Aufwärmprogramm eingewechselt wurde.
Wie gut Urbig mit der aktuellen Situation umgeht und wie souverän er bei seinen teilweise kurzfristig anberaumten Einsätzen hält, ist derweil ein Beweis dafür, dass er das Potential zum langfristigen Stammkeeper des FC Bayern hat. Neuer ist ihm auf dem Weg dahin als Ratgeber und Trainingspartner eine wichtige Stütze. Darauf und auf seine eigene Fitness sollte er sich jetzt konzentrieren. Und nicht darauf, ob er seinen 608. oder 609. Einsatz für den FC Bayern sammelt. Vielleicht warten zum Abschluss seiner Karriere in der Rückrunde ja noch letzte große Momente auf den dann 41-Jährigen.
📝 Mein beruflicher Werdegang:
Für eine Karriere als Fußballer sollte es nicht reichen, das stand leider bald fest. Genauso wie der Fakt, dass es ohne Fußball trotzdem nicht geht. Also beschloss ich, Reporter zu werden. Im Alter von 15 Jahren begann ich, in meinem österreichischen Heimatort Klosterneuburg bei den Niederösterreichischen Nachrichten über Sport zu schreiben. Nach der Matura übersiedelte ich für mein Sportjournalismus-Studium nach München. Es folgten Praktika beim FC Bayern und der Süddeutschen Zeitung, freie Mitarbeiten beim Münchner Merkur und bei Sport1 und Anfang 2016 der Wechsel zu SPOX und GOAL. Seit 2015 bin ich nebenbei zudem für das österreichische Fußballmagazin ballesterer tätig.
🎯 Meine Kerngebiete:
Vor-Ort-Berichterstattung über den FC Bayern und die deutsche Nationalmannschaft
Interviews mit aktuellen und ehemaligen Fußball-Protagonisten
Geschichten aus der Fußball-Geschichte
⚽ Wie ich zum Fußball gekommen bin:
Ab der WM 2002 herrschte jeden zweiten Sommer Ausnahmezustand: Fußball nonstop - und zwischen den Spielen musste das Panini-Album vollgemacht werden! Erstes großes Highlight im Klub-Fußball: Der Meistertitel des SK Rapid 2005 samt Platzsturm im Wiener Ernst-Happel-Stadion.
🌟 Meine liebsten Fußball-Momente:
Als passionierter Groundhopper jeder Moment, wenn ich ein neues Stadion betrete - am besten in einem neuen Land.