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Krasser Absturz oder große Chance? Ein amtierender NBA-Champion will seine Karriere in der G-League retten
Portland Trail Blazers Media Day

Hoffnungsträger bei den Spurs, Spielmacher für Wemby, unerwarteter Rausschmiss und Titel mit den Knicks. Jeremy Sochan hat in nur vier NBA-Jahren schon viel erlebt. Jetzt kämpft er in der Entwicklungsliga um seine Rückkehr - und womöglich um seine letzte Chance.

"In gewisser Weise war es ein Full-Circle-Moment für mich", schwärmte Sochan kürzlich mit Blick auf die diesjährigen Finals. Der 23-Jährige befand sich in der komfortablen Situation, dass er sich unabhängig vom Sieger "NBA-Champion" hätte nennen dürfen. Begonnen hatte er die Saison bei den Spurs, beendet hatte er sie bei den Knicks. "Das war ein unglaubliches Gefühl. Ich kann diese Emotionen gar nicht beschreiben."

Als er sich jedoch vor wenigen Tagen erstmals seit längerer Zeit der Presse stellte und als NBA-Champion sprach, war er schon gar nicht mehr Teil der NBA. Denn seit dem Titel im Juni ging es für Sochan steil bergab.

Wobei: Eigentlich entwickelt sich seine Karriere schon seit Jahren in die falsche Richtung. 2022 wählten die San Antonio Spurs den jungen Forward im Draft schon mit dem neunten Pick aus. Sochan spielte anschließend eine absolut solide Rookie-Season und landete im All-Rookie Second Team. Nur schnappten sich die Spurs im darauffolgenden Draft ein nicht nur körperlich noch viel größeres Talent: Victor Wembanyama.

Ganz neue Spurs: Mit Wembanyama und Johnson änderte sich für Sochan alles

Sochan sollte von diesem Moment an als "Point Forward" den Spielmacher an Wembys Seite geben. Das polarisierende Experiment von Coaching-Legende Gregg Popovich scheiterte. Sochan konnte nur in Ausnahmefällen auf der neuen Position überzeugen. Für Sochan sah es trotzdem so aus, "als würde es für mich in Weiß und Grau eine erfolgreiche Zeit werden", wie er gegenüber Andscape verriet. Nur stand sein Förderer bald nicht mehr an der Seitenlinie: "Ich stand Pop sehr nahe. Als er krank wurde, hat sich für mich leider vieles verändert."

Popovich-Nachfolger Mitch Johnson übernahm und hatte nach und nach keine Verwendung mehr für den polnischen Nationalspieler, der zudem noch mit Verletzungspech zu kämpfen hatte. 2024/2025 verlor er seinen Platz in der Starting Five, 2025/2026 seinen Platz in der Rotation. Johnson lobte Sochan zwar stets für dessen Professionalität, doch kurz nach der Trade Deadline im Februar entließen die Spurs ihren einstigen Hoffnungsträger. Der frühere Firstrounder war "überrascht" und "verletzt" von der Entscheidung.

Zumal ihm diese nach eigenen Angaben nicht einmal persönlich überbracht wurde: "Ich will hier keine Unruhe stiften oder so, aber ich habe es von einem meiner Teamkollegen erfahren, dass sie mich waiven wollten. Das hat mich definitiv getroffen. Aber andererseits hatte ich auch die Einstellung: 'Es ist, wie es ist.'"

Detroit Pistons v New York Knicks

"Verrücktes Gefühl": Sochan hat seinen Anteil am Knicks-Titel

Und es kam, wie es kommen sollte. Ausgerechnet New York, San Antonios späterer Finalsgegner, schlug zu. Doch auch im Big Apple konnte Sochan seiner Karriere keinen neuen Schwung verleihen. Nach dem Tapetenwechsel halbierte sich seine Spielzeit sogar noch einmal. Er steckte trotzdem nicht den Kopf in den Sand und gab sich vor der Serie gegen sein Ex-Team optimistisch, die Finals entscheiden zu können: "Egal, ob ich spiele oder nicht, es ist wichtig, alle Informationen, die ich habe, einzubringen." Als Belohnung durfte der "Informant" unter anderem die letzten acht Sekunden des entscheidenden Game 5 auf dem Parkett stehen. Für Sochan ein "verrücktes Gefühl".

Seine Unterschrift bei den Knicks hatte sich gelohnt. "Die Fans sahen uns - egal, ob man die Nummer 1 oder der 15. Mann im Kader war - als jemanden, der in New York etwas Besonderes gewonnen hatte. Das war etwas, wofür alle gekämpft hatten. Es ist ein Geschenk", zeigte er sich im Gespräch mit Andscape weiter dankbar. "Der Vertrag in New York war einer meiner größten Segen."

Portland Trail Blazers Media Day

Zu schlecht für die NBA? Trail Blazers entlassen Sochan noch vor Saisonstart

Nur erhielt er nach all den Feierlichkeiten keinen neuen Vertrag. Die Knicks boten ihm zwar an, sich im Training Camp zu beweisen und auch die Los Angeles Clippers buhlten um seine Dienste, doch Sochan wollte sein Glück bei den Portland Trail Blazers suchen. In allen Preseason-Partien stand er für die Blazers auf dem Parkett und absolvierte zwischen sieben und 21 Minuten.

Doch einen Tag nach Ende der Saisonvorbereitung passierte das, was er wieder einmal nicht kommen sah: Er wurde entlassen. Nur einmal konnte er bei seinen vier Auftritten zweistellig scoren, den Blazers reichten die gezeigten Leistungen nicht. Er war zu dem Zeitpunkt zu schlecht für die NBA.

Mittlerweile hatte er sich an die etlichen Rückschläge schon gewöhnt: "Angesichts der Entwicklungen der letzten Jahre kann ich nachvollziehen, warum es dazu gekommen ist, und ich verstehe die Gründe dafür." Das heißt aber nicht, dass er nicht kämpfen möchte. "Es ist schon komisch, denn wenn man sich die NBA-Teams und deren Kader ansieht, ist das eine bunte Mischung aus Spielern - und ich bin fest davon überzeugt, dass ich in einen dieser NBA-Kader gehöre."

Dafür gibt Sochan seitdem alles. Aufgrund der Entlassung in Portland hatte er beim Saisonstart ein paar Tage später plötzlich frei. Er hätte bei der Ringzeremonie der Knicks dabei sein können und sich feiern lassen können. So wie es Ariel Hukporti tat. Der deutsche Center war nach dem Titelgewinn zu den Philadelphia 76ers gewechselt und holte sich seinen Ring verletzungsbedingt und unter großem Jubel per Roller ab. Sochan sah das alles nur vor dem TV. Er wollte sich bereithalten, falls sich kurzfristig irgendeine Möglichkeit ergab, noch spontan anderswo unterzukommen.

G-League statt Europa oder Australien: Sochan glaubt an zweite Chance in der NBA

Das passierte nicht. Also buhlte das Ausland um Sochan, der in England aufwuchs und in der Saison 2021/2022 für 22 Spiele in Deutschland in der Bundesliga ProB aktiv war. Laut eigenen Angaben flatterten Angebote aus Europa und Australien rein. Er lehnte sie alle ab. Er will zurück in die NBA.

Und nimmt dafür den Umweg in der G-League in Kauf. Sochan meldete sich zum Draft der Entwicklungsliga an. "Natürlich ist die G-League nicht die NBA. Selbst jetzt vor Saisonbeginn merke ich das schon an den Dingen außerhalb des Basketballs, außerhalb des Spielfelds", musste Sochan zwar eingestehen, doch: "Es spielt keine Rolle, wo ich gerade bin. Ich werde trotzdem mit vollem Einsatz spielen."

Er wolle die "Basketballgötter respektieren", wie es ihn Coach Pop einst lehrte. Die belohnten ihn immerhin direkt damit, dass er als Nr.1-Pick von den Texas Legends ausgewählt wurde. "Ich freue mich einfach für ihn, dass er eine weitere Chance bekommt, sich noch einmal weiterzuentwickeln", konnte sich nach dem Draft sogar Ex-Coach Johnson für seinen ehemaligen Schützling freuen. "In dieser Liga geht es darum, immer besser zu werden und immer wieder neue Bereiche zu finden, in denen man sich weiterentwickeln kann. Ich bin einfach froh, dass er bei einer großartigen Organisation gelandet ist. Dass sie ihn an dieser Position direkt ausgewählt haben, bedeutet natürlich, dass sie sehr an ihn glauben."

Es ist womöglich auch kein Zufall, dass ausgerechnet das Farmteam der Dallas Mavericks sich die Dienste des amtierenden NBA-Champions gesichert hat. Zum neuen Mavs-GM Mike Schmitz pflegt er schon seit vielen Jahren ein Verhältnis. Schmitz hat sich in der NBA zunächst als Draft-Analyst bei ESPN einen Namen gemacht. In den sozialen Medien findet man man noch heute beispielsweise Beiträge, in denen er auf seinem Account fünf Minuten lang Sochans College-Leistungen analysiert. Dabei hatte Schmitz Sochan sogar noch viel länger auf dem Zettel und verfolgte dessen Entwicklung seit der U16.

"Zeigen, warum ich dahin gehöre": Sochan will sich bei den Legends für die NBA empfehlen

Bei seiner Antrittspressekonferenz im Trikot der Legends machte Sochan direkt klar, wie er seinem neuen Team helfen möchte: "Mit Führungsstärke. Ich habe das Gefühl, dass ich ein paar Dinge schon weiß, die diejenigen, die direkt vom College hierherkommen, vielleicht noch nicht wissen. Das ist eine Umstellung und es ist wichtig, dass ich für sie da bin." Dabei spricht er bestens aus eigener Erfahrung: "Ich weiß, dass man in einem neuen Umfeld schnell mal unter Stress gerät."

Er selbst würde sich freuen, schnell wieder in einem anderen Umfeld zu landen. Im Kader der Mavericks. Oder auch bei einem der anderen 29 NBA-Teams, denn er hat einen Standardvertrag in der G-League unterschrieben und kann jederzeit von einem anderen Team verpflichtet werden. Das ist sein "ultimatives Ziel". Bis dahin gilt: "Es ist wichtig, zu gewinnen. Das wird dann schon zeigen, was für ein Spieler ich bin und warum ich dahin gehöre." Egal, ob als Nummer 1 oder als Nummer 15.

Und auch egal, was die Basketballgötter mit Sohan noch vorhaben: Den Titel kann ihm keiner nehmen. Und den Ring dafür soll er laut den Knicks auch noch erhalten. In einem angemessenen Rahmen und bei einem Heimspiel, heißt es. Am liebsten als aktiver NBA-Spieler.

NBA: Die Statistiken von Jeremy Sochan

Saison

Team

GP

MIN

PTS

FG%

3FG%

REB

AST

STL

BLK

TO

25/26

Knicks

16

6,9

2,8

56,7

20,0

2,1

0,8

0,4

0,1

0,2

25/26

Spurs

28

12,8

4,1

47,5

25,7

2,6

1,0

0,4

0,2

0,6

24/25

Spurs

54

25,3

11,4

53,5

30,8

6,5

2,4

0,8

0,5

1,6

23/24

Spurs

74

29,6

11,6

43,8

30,8

6,4

3,4

0,8

0,5

1,9

22/23

Spurs

56

26,0

11,0

45,3

24,6

5,3

2,5

0,8

0,4

1,7

📝Bio:

Der Beruf des Sportjournalisten schien eher ein entfernter Traum als ein realistisches Ziel. Ein Schülerpraktikum schreckte mich zunächst ab und ich wollte mich nach der Schule dem vermeintlichen Ernst des Lebens widmen, studierte anschließend Politikwissenschaft und Rechtswissenschaften. Nachdem es mich daraufhin ins politische Berlin verschlagen hatte, kehrte ich in die nördliche Heimat zurück und beschloss, dem Sport eine zweite Chance zu geben und fand mich bei meinem Herzensverein wieder. Während ich hier hauptsächlich fürs Reden zuständig war und parallel für den NDR im Radio arbeitete, landete ich 2024 zudem schreibend bei SPOX und GOAL. Seit 2025 bin ich als Volontär mit dem Schwerpunkt US-Sport Teil des Teams.

⚽Wie ich zum Fußball gekommen bin:

Hinter den Deichen und auf den Bolzplätzen einer norddeutschen Kleinstadt groß geworden, lernte ich schnell den Fußball spielend lieben und ein erster Besuch im Volkspark entflammte mein Herz früh für zaubernde Zehner, Rafael van der Vaart und den Hamburger Sport-Verein. "Alles, was ich im Leben über Moral gelernt habe, verdanke ich dem Fußball", fasste Albert Camus einst passend zusammen und beschreibt damit die Faszination, die dieser Sport mit all seinen kleinen und großen Facetten auch außerhalb des Spielfelds noch immer auf mich ausübt, ganz wunderbar.

🎯 Beschäftigt sich in seiner Arbeit vor allem mit:

  • US-Sport

  • Spielberichte, News und Analysen zur NBA

  • allem, was die wunderbare Welt des König Fußballs so hergibt

🌟Mein liebster Fußball-Moment:

Wer den einstigen Glauben an die Unabsteigbarkeit, die Fassungslosigkeit 2018, die Lächerlichkeit all der folgenden Frühlings-"Witze", die Pleiten in der Relegation und die ominöse Nachspielzeit in Regensburg erlebt hat, der fand am 10. Mai 2025 im Volksparkstadion seinen Frieden mit dem - sofern es ihn denn gibt - Fußballgott. Die Anspannung eines ganzen Stadions, die einem kollektiven "Das-passiert-gerade-wirklich-Gefühl" weicht und im Freudentaumel einer ganzen Stadt einen verdienten Höhepunkt findet - so schön wie beim Aufstieg wird es wohl nie wieder, mein Fußballherz war nie voller.

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