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Hop, hop, hop, hop – wie im Stakkato fliegen die Mädchen durch die Luft, machen ihre Saltos – gehockt, gebückt oder gestreckt –, landen auf der Weichmatte und springen danach zur Seite. Denn die Nächste vom Team ist schon am Absprung. Insgesamt 13 Mädchen zwischen zehn und 13 Jahren perfektionieren ihre Übungen. Sophie, die Trainerin, steht zur Sicherheit daneben: Wenn eine bei der Landung schlecht aufkommt, den Salto also nicht „steht“, zieht sie das Kind auf die Seite, damit es nicht zu Kollisionen kommt.
Denn beim Team-Turnen, einer jungen Sportart, die aus Skandinavien kommt, geht es nicht um noch virtuosere Sprünge oder noch wagemutigere Flugelemente am Stufenbarren einer einzelnen Turnerin, sondern um die Teamleistung: Synchronität, Kreativität, Balance, Akrobatik und Ästhetik der Ausführung spielen eine Rolle. Sophie Lüftl und ihre Schwester Marie, Turn-Trainerinnen im Turnverein Gersthof, lernten die Sportart vor ein paar Jahren näher kennen. „Birgit und Nina Fleser vom MTV Hernals waren 2018 die Pionierinnen in Wien. Sie haben für eine junge Mannschaft Mitglieder gesucht und wir sind dann eine Vereinskooperation eingegangen“, berichtet Sophie Lüftl. 2023 gab es das erste gemeinsame Team, 2024 erste erfolgreiche Wettkämpfe, mittlerweile gibt es zwei Teams, die von Marie und Sophie trainiert werden.
Die Turnerinnen kommen großteils aus einer anderen Turnsparte: Dem „Turn 10“-Turnen, bei dem an fünf Geräten bis zu zehn Übungen präsentiert werden. „Bei den Turn-10-Wettbewerben will jede Erste werden. Da kommt es bei Wettbewerben schon vor, dass man sich freut, wenn die Konkurrentin am Balken abrutscht oder wenn ihr eine andere Übung nicht gelingt. Beim Teamturnen ist das ganz anders. Bei den Wettbewerben feuern sich alle gegenseitig an, die ganze Halle klatscht, wenn ein Team turnt, und es ist eine sehr freundschaftliche und herzliche Atmosphäre“, erzählt Sophie, die mit ihrem Team im April beim ersten Teamturn-Wettbewerb in der Sportarena Wien teilgenommen hat.
Entstanden ist die Sportart in den 1970er-Jahren in Skandinavien: In den nordischen Ländern entwickelte sich Teamturnen als Mannschaftssport. Statt Einzelleistungen zu zeigen, sollten die Turnerinnen und Turner gemeinsam turnen und ihre Übungen aufeinander abstimmen. Das Reglement entspringt der zutiefst skandinavischen Mentalität des „Janteloven“: Dieses ungeschriebene soziale Gesetz stellt das Wohl der Gemeinschaft über jede Form der Ellbogenmentalität. Prahlerei oder das Zurschaustellen von Erfolg sind Tabus.
Das Teamturnen fördert aber sehr wohl individuellen Ehrgeiz: Denn auch wenn alle zwölf Turnerinnen des Teams im Einsatz sind, werden für die Bewertung nur die schwierigsten Elemente herangezogen. Sprich: Eine sehr gute Turnerin kann einem mittelmäßigen Team zu einer guten Wertung verhelfen. Die recht komplexen Wertungsregeln sind wohl auch die einzige Crux der neuen Sportart.
Es gibt drei Disziplinen: Bodenturnen („Akrobatik-Showtanz“), Tumbling („Tempobodenturnen“) und Mini-Trampolin. Für die Bodenübung studiert das Team eine Choreografie ein, die rund zwei Minuten dauert und verschiedene Elemente beinhalten muss: Etwa einen Spagat, ein Akrobatikelement und vieles mehr. Auf der Tumbling präsentieren vier bis sechs Turnerinnen jeder Mannschaft Elemente wie Rondat-Flick (eine Art Rad mit anschließendem Überschlag rückwärts) oder Saltos. Dabei müssen immer mindestens zwei Turnerinnen gleichzeitig in Bewegung sein.
Mathilda (13) ist seit einem Jahr im Wettkampf-Team dabei. Auf ihrem dunkelblauen Tanktop prangt ihr Name. „Ich mag das Teamturnen lieber als das normale Turnen, weil man nicht alleine vorm Wertungsrichter stehen muss. Man tritt beim Wettkampf auch nicht gegen Leute aus dem eigenen Team an. Außerdem ist der Balken nicht gerade mein Lieblingsgerät und der kommt beim Teamturnen nicht vor“, erzählt sie. Die junge Sportlerin freut sich schon auf den nächsten Wettkampf, die Teamturn-Staatsmeisterschaft in Wolfurt (Vorarlberg), Ende November. „Auch wenn wir manchmal sehr früh aufstehen müssen, ist es immer lustig, im Team wegzufahren. Es ist auch immer eine gute Stimmung bei den Wettbewerben.“
Ihre Teamkollegin Anna (13) erhofft sich zumindest einen Stockerlplatz für ihr Team bei der Staatsmeisterschaft. Sie trainiert gerade ein besonders schwieriges Element, den gebückten „Tsukahara“, eine Übung, die nach einem japanischen Olympia-Turner (fünf Goldmedaillen!) benannt ist und aus einem Sprung und einem anschließenden Rückwärtssalto besteht. Was gefällt ihr am Teamturnen? „Der Teamgeist, mein Team und die Geräte,“ sagt sie. Besonders beeindruckt war sie von den Facilities in Dänemark. Dort war sie mit ihrem Verein im Sommer auf Trainingslager. „Es war sehr cool. Die Turnhalle bestand aus drei Hallen, es gab außerdem einen Raum, wo wir auf Matratzen schlafen konnten, eine Küche und Badezimmer. Das Gelände war riesig. Und sie hatten richtig tolle Turnmatten.“
Für Victoria (13) ist die Boden-Choreografie das Schwierigste. „Man muss sich viele Elemente merken, im Takt mit der Musik sein und synchron mit den anderen.“ Für ein einheitliches Bild sorgen auch die einheitlichen Turnanzüge: Das Team „Gersthof-Hernals“ tritt mit schwarz-blau-weißen Anzügen an. Auch die Frisuren der Mädchen sollen einheitlich sein: Dutts mit einem Haargummi in den Farben des Turnanzugs.
In Vorarlberg, wo der Sport schon seit über 20 Jahren betrieben wird, ist Teamturnen stärker verbreitet. Dort gibt es bislang auch das einzige Männerteam. „Die einzigen Hallen, die fürs Team-Turnen ausgelegt sind, gibt es in Dornbirn und Wolfurt,“ erzählt Sophie Lüftl. „In Wien haben viele Vereine nicht den Platz.“
Die Trainerin hofft, dass das Team-Turnen in Österreich noch mehr Zulauf erhält. Denn es ist ein Sport, der die Gemeinschaft stärkt und individuellen Spitzenleistungen Raum bietet. „Bei den nordischen Meisterschaften treten 800 Teams an. Es sind Wettkämpfe, die auf Spaß und Performance Wert legen. Da geht es sehr ausgelassen zu und es gibt etwa auch einen gemeinsamen Flashmob aller Teams.“
In Österreich gibt es rund 50 Team-Turn-Vereine. In Wien bieten etwa der Turnverein Gersthof (tvgersthof.at) oder der MTV Hernals (mtvhernals.at) Team-Turn-Training an. Der Sport ist für Buben und Mädchen geeignet, es gibt auch gemischte Teams.
Die Staatsmeisterschaft findet heuer von 21. bis 22. November in Wolfurt (Vorarlberg) statt.