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1. FC Kaiserslautern vor Spiel gegen Hertha BSC: Ein unüblicher Gemütszustand
Zweite Bundesliga :
Der FCK in einem völlig unüblichen Gemütszustand

Hinten hui, vorne ausbaufähig: Der 1. FC Kaiserslautern hat in neun von elf Spielen kein Gegentor bekommen. Reichen außergewöhnliche Abwehrkräfte und Minimalismus, um es in die Bundesliga zu schaffen?

Reicht das für die erste Liga? Der 1. FC Kaiserslautern hat sich eine robuste Grundlage für seine Aufstiegsambitionen geschaffen.

Das mit der Offensive, die Spiele, und der Defensive, die Meisterschaften gewinnt, gehört nun schon eine Weile zu den meistzitierten Weisheiten der Sportwelt. Wenn eine Profifußballmannschaft über mehrere Wochen dermaßen gut verteidigt, wie es derzeit der 1. FC Kaiserslautern tut, dauert es deshalb selten lange, ehe sie wieder hervorgekramt wird.

Der FCK, der am Mittwochabend sein Zweitrundenspiel im DFB-Pokal bei Hannover 96 mit 2:0 gewonnen hat, ist dadurch in beinahe unglaublichen neun von elf Pflichtspielen in dieser Saison ohne Gegentor geblieben. Und natürlich war deshalb auch schon zu hören und zu lesen, dass die Mannschaft mit derart außergewöhnlichen Abwehrkräften am Ende der Spielzeit die sehnsüchtig erwartete Rückkehr in die Bundesliga schaffen könnte.

Das Problem an der Sache ist nur: Das mit der Offensive, die Spiele, und der Defensive, die Meisterschaften gewinnt, stimmt gar nicht. In den allermeisten Mannschaftssportarten, das haben etliche Studien längst nachgewiesen, ist eine starke Abwehr vielmehr deutlich weniger ausschlaggebend für den langfristigen Erfolg eines Teams als ein starker Angriff.

Gerade im Fußball gilt stattdessen die Tordifferenz als besonders bedeutsam. Kurzer Hypothesentest anhand der Tabelle der Zweiten Bundesliga: Der FCK liegt mit 9:4 Toren und der ligaweit mit Abstand besten Defensive derzeit auf dem Relegationsplatz drei. Am Samstag (13 Uhr/Sky) empfangen die „Roten Teufel“ auf dem heimischen Betzenberg Hertha BSC. Mit 20:8 Toren und der ligaweit mit Abstand besten Tordifferenz sind die Berliner Tabellenführer.

Robuste Grundlage für Aufstiegsambitionen

Doch selbst wer die alte Weisheit entsprechend kritisch einordnet, kann feststellen, dass Kaiserslauterns Mannschaft mit ihrem kompakten Minimalismus-Fußball zuletzt eine robuste Grundlage für ihre Aufstiegsambitionen geschaffen hat. Schon dreimal spielte der FCK in dieser Saison 0:0, drei Spiele gewann er 1:0.

Es sind Ergebnisse, die dem Klub nicht nur wichtige Punkte und nun den Einzug ins Pokal-Achtelfinale einbrachten, sondern ihn auch in einen Gemütszustand versetzten, der im meist aufgeregten Umfeld großer Traditionsvereine völlig unüblich ist: Fans wie Spieler kommen in den Genuss der Hochgefühle, die es mit sich bringt, wenn ein Team einen Lauf hat – allerdings ohne dass dabei irgendjemand Gefahr laufen würde, sich am Erfolg zu sehr zu berauschen.

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Nun muss man dazusagen, dass am Fußball-Standort Kaiserslautern die Bodenhaftung ohnehin um einiges größer ist als an anderen Orten, wo einst erfolgsverwöhnte Klubs mit großer Anhängerschaft zuletzt wieder abheben wollten. In Köln etwa wurde in den vergangenen Jahren gleich zweimal ein Trainer freigestellt, der mit seiner Mannschaft als Tabellenführer unmittelbar vor dem Aufstieg stand. Auch Schalke 04 und der Hamburger SV erlebten etliche turbulente Zweitliga-Jahre.

Das Maximum an Überschwang, das man sich in Kaiserslauterer Fankreisen bislang erlaubt, ist dagegen der Verweis darauf, dass Trainer Torsten Lieberknecht schon häufiger mit seinen Mannschaften im zweiten Jahr aufgestiegen ist. Doch wahr ist auch: Schalke, Hamburg und Köln spielen inzwischen wieder in der Bundesliga. Und nach nunmehr 15 Jahren in Zweit- und Drittklassigkeit hegen sie diesen Wunsch auch in der Pfalz.

„Vom Glück geküsst“

Damit die Rückkehr gelingt, müssen sie in Kaiserslautern auf der stabilen Defensive allerdings wohl irgendwann auch ein dominanteres Offensivspiel aufsetzen. Denn dass es sonst schwer werden dürfte, den aktuellen Trend aufrechtzuerhalten, das hatte der FCK trotz des Sieges am Mittwoch zu spüren bekommen. „Effizienz schlägt starke Hannoveraner“, textete Lieberknecht hinterher als Überschrift für ein Spiel, in dem seine Mannschaft „vom Glück geküsst“ gewesen sei. So hatten beispielsweise 24 Torschüssen Hannovers gerade einmal fünf des FCK gegenübergestanden. Allein 15 Ecken schlug 96 in den Strafraum des FCK.

Wer nach einer Erklärung dafür sucht, warum Kaiserslautern derzeit trotzdem selbst in so einem Spiel kein Gegentor hinnehmen muss, findet deshalb auch einige widersprüchliche Hinweise. Die Zweikampfwerte zum Beispiel sind eher mittelmäßig, was die Gesamtlaufleistung oder den Ballbesitz angeht, belegt der FCK im Ligavergleich sogar lediglich Platz 15. Dafür gelingen kaum einer Mannschaft mehr Klärungsaktionen vor dem eigenen Tor. Erst ein einziges Gegentor fiel nach einer Standardsituation, und der zuletzt herausragende Torwart Julian Krahl kommt mit im Schnitt 5,3 Paraden pro Spiel auf einen Zweitliga-Bestwert.

Obwohl der FCK laut dem gern zu Analysezwecken verwendeten Expected-Goals-Wert immerhin 11,9 Gegentreffer hätte hinnehmen müssen, waren es somit in der Realität lediglich vier. Zum Vergleich: Der Bundesliga-Absteiger 1. FC Heidenheim mit seinem Wert von 11,3 hat bislang 16 Gegentore zu verzeichnen.

Womöglich ist es deshalb auch viel einfacher, als es Zahlen und Statistiken beweisen können. „Die Wahrheit dahinter ist, dass wir einfach als Team keinen Bock haben, ein Gegentor zu bekommen“, sagte Keeper Krahl zuletzt und schwärmte davon, dass sich „alle aufopfern, alles wegblocken und ganz viele Situationen schon in der Entstehung verhindern“. „Wir sprechen über hohes Pressing. Das entlastet die hinten“, sagt dazu Trainer Lieberknecht: „Die hinten sind nur deshalb gut, weil die vorne so gut mitarbeiten.“

In dieser Mischung aus Zusammenhalt und -arbeit das ultimative Aufstiegsrezept des FCK zu erkennen, erscheint dennoch etwas verfrüht. Das Heimspiel gegen den Tabellenführer aus Berlin bietet aber zumindest die Chance für einen Beweis, dass die Zutaten stimmen. Denn das mit der Offensive, die Spiele, und der Defensive, die Meisterschaften gewinnt, mag zwar statistisch gesehen falsch sein. Doch wer Spiele gewinnt, hat letztlich immer recht. Auch das ist eine alte Weisheit der Sportwelt.

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