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Eigentlich meidet Sven Kirstein die Öffentlichkeit und lässt andere aus der Vereinsführung des FC Schalke 04 sprechen. Dabei ist er einer der wichtigsten Strippenzieher des Klubs. Im Aufsichtsrat des Hauptvereins ist er der Vertreter von Chef Axel Hefer, den Aufsichtsrat der Fördergenossenschaft führt er an. Dabei hilft ihm auch seine berufliche Erfahrung, denn Kirstein ist Banker bei einer Genossenschaftsbank.
Im Interview mit dieser Zeitung wehrt sich der 40-Jährige gegen den Vorwurf, die Genossenschaft sei ein Flop. Zudem verteidigt er den umstrittenen Geno-Vorstandschef Jürgen Gerdes.
Herr Kirstein, Sie sind nicht nur Chef des Aufsichtsrates der Schalker Fördergenossenschaft, sondern auch einer der Initiatoren des Projekts. Was denken Sie, wenn Sie heute das Förderturm-Denkmal an der Arena sehen?
Sven Kirstein: Der Förderturm und auch der Bau der Schalke-Terrassen zeigen den Menschen, dass sich hier auf dem Gelände etwas entwickelt. Das freut mich extrem. Als Gelsenkirchener liegt mir Schalke sehr am Herzen und es bedeutet mir viel, dass sich weiterhin so viele Leute für den Klub begeistern.
Wenn man so will, ist der Förderturm auch ein kleines Denkmal für Sie.
Es geht um die Fördergenossenschaft, nicht um Einzelpersonen. Ich bin niemand, der im Rampenlicht stehen will, sondern halte mich bewusst im Hintergrund. Zu merken, dass man einen kleinen Teil zum Erfolg von Schalke 04 beigetragen hat, macht mich trotzdem stolz. Aber Sie können sich sicher sein: Ich bin nicht der Typ, der nun Selfies vor dem Förderturm schießt. (lacht)
Sie sind ein Kind der Nordkurve und arbeiten seit Jahren im Banken-Sektor. Wann ist bei Ihnen der Gedanke entstanden, dass dem FC Schalke 04 eine Fördergenossenschaft helfen könnte?
Ich bin hier aufgewachsen und schon als Kind hat mich die Begeisterung der Menschen für Schalke fasziniert. Wenn man in der Kurve steht, spürt man diese Kraft, die diese Gemeinschaft hat. Mir stellt sich da automatisch die Frage: Wie kann diese Kraft auch dem Verein helfen – nicht nur stimmungstechnisch. Je tiefer ich ins Berufsleben eingetaucht bin, desto mehr habe ich gemerkt, dass der eingetragene Verein und Fördergenossenschaften gut zueinander passen.
In der Aufstiegssaison hat die Fördergenossenschaft lediglich 769 Mitglieder hinzugewonnen. Im Geschäftsjahr wurden 5067 Anteile im Wert von 1,2 Millionen Euro verkauft. Wie blicken Sie auf diese Zahlen?
Zunächst einmal ist auch eine Millionen Euro viel Geld, für das wir sehr dankbar sind. Für mich war das abgelaufene Geschäftsjahr ein Übergangsjahr. Wir hatten zwei Wechsel im Vorstand und wollten mehr auf die Menschen zugehen, zuhören und lernen. Wir haben bewusst kein neues Projekt an den Start gebracht und keine große Vertriebsaktion gestartet.
Nach seiner Vorstellung sagte Geno-Vorstandschef Jürgen Gerdes bei uns im Interview: „Wir sitzen gerade im Flugzeug auf der Startbahn, sind bereit durchzustarten und müssen nur noch Gas geben. Wenn alle mitmachen, werden wir schneller abheben und höher fliegen, als so mancher glaubt.“ Warum ist das Flugzeug noch nicht abgehoben?
Hätte ich mir gewünscht, dass mehr Menschen mitmachen? Auf jeden Fall! Aber die Genossenschaft ist für mich ein Langstreckenflug, um im Bild zu bleiben. Der Anstieg ist vielleicht nicht so steil, wie wir uns ihn erträumt haben. Doch die Reise ist noch lange nicht vorbei. Bei unserer Sommer-Tour der Genossenschaft haben wir gemerkt, dass ganz viele Menschen noch nicht komplett verstanden haben, worum es uns in der Auf Schalke eG geht. Das ist eine wesentliche Erkenntnis: Wer die Dinge nicht versteht, ist natürlich auch nicht bereit, Geld zu investieren. Das wollen wir ändern.
Stimmen Sie mir zu, wenn ich sage, dass die Geno die Erwartungen bislang nicht erfüllt hat?
Wenn man so ein Projekt aufsetzt, ist es sehr schwer, einen Zielwert zu definieren. Schon vor dem Start geisterte ein Ziel von 50 Millionen Euro durch die Medien, weil Matthias Tillmann einmal davon gesprochen hat, dass sich die Welt auf Schalke bei einer Summe von 50 Millionen Euro komplett ändern würde. Fakt ist: Intern waren Einnahmen von 50 Millionen Euro durch die Genossenschaft nie das Ziel. Fakt ist: Sie hat dem Verein bereits sehr geholfen.
Warum hat die Geno knapp zwei Jahre nach ihrer Gründung noch keine zehn Millionen Euro eingesammelt?
Persönlich habe ich geglaubt, dass in den ersten zwei Jahren mehr Menschen mitmachen. Wir haben sicherlich einige Fehler gemacht. Die Wahrheit ist aber auch: Wir kamen aus einer sehr schweren sportlichen Zeit. Zum Jahreswechsel 2022/2023 standen wir am Abgrund zur 3. Liga. Dass sich die Leute in dieser Phase schwergetan haben in ein neues Projekt zu investieren, kann ich nachvollziehen. Am Anfang hat auch Vertrauen in die handelnden Personen gefehlt. Ich erinnere mich gut an die Vorstellung der Genossenschaft auf der Mitgliederversammlung, als teilweise Hohn und Spott aufkamen. Das war unfair und wäre heute sicherlich nicht mehr die Reaktion.
In der öffentlichen Wahrnehmung gilt die Geno als Flop. Ärgert Sie das?
Die Frage ist, wie man zu so einem Urteil kommt, was man als Erfolg wertet. Man kann auf Beträge schauen und sagen: 9000 Mitglieder und neun Millionen Euro passen nicht zu Schalke, das müsste alles größer sein. Wichtiger ist aber, wie die Genossenschaft Schalke schon geholfen hat und wie sie noch helfen wird. 2026 hatten wir vor allem dank der Geno kein Problem mit der Eigenkapital-Regelung der Bundesliga und konnten im Wintertransferfenster aktiv werden. Das waren wichtige Bausteine zum Bundesliga-Aufstieg. Ich bin heute felsenfest davon überzeugt: Hätten wir die 9000 Mitglieder und die neun Millionen Euro nicht, würden wir als Verein definitiv nicht da stehen, wo wir heute stehen. Trotzdem gebe ich Ihnen Recht und sage: Die Wirkung der Auf Schalke eG hätte noch größer sein können. Zu hören, die Genossenschaft sei ein Flop, spornt uns an. Wir wollen, dass sich das Bild dreht.
Was wollen Sie konkret machen, um mehr Schalker für die Geno zu begeistern?
Wir wollen greifbarer machen, wie die Auf Schalke eG dem Verein helfen kann. Es gibt viele Dinge, die Schalke besser machen würden – zum Beispiel die Schalke-Terrassen, die für Fans und Mitglieder entstehen, um einen Ort der Begegnung zu schaffen. Es ist zudem kein Geheimnis, dass wir prüfen, wie wir die Zuschauerkapazität in der Arena erhöhen können. Auch beim Trainingsgelände und beim Nachwuchsleistungszentrum herrscht grundsätzlich Investitionsbedarf. Das sind alles Kosten, die Schalke eigentlich aus dem laufenden Geschäft bestreiten müsste. Leider fehlt dafür das Geld. Das Wunsch-Szenario wäre: Wir als Genossenschaft haben das möglich gemacht. Generell gilt: Wenn der Verein eine Idee hat und die Genossenschaft das nötige Geld, dann können wir ein Projekt sehr schnell anschieben. Aktuell sprechen wir von 1,3 Millionen Euro Liquidität in der Genossenschaft.
Bleiben wir beim Stadionausbau: Ein dritter Rang würde die Stadionkapazität massiv erhöhen, dürfte aber sehr teuer werden. Welche konkreten anderen Möglichkeiten gäbe es für einen Ausbau der Arena?
Dazu kann ich nichts sagen, weil das auf Vereinsebene liegt. Ich spreche hier nur über die Fördergenossenschaft. Es gibt Überlegungen und Ideen, die aktuell vereinsseitig intensiv geprüft werden.
Diskutiert wurde in den vergangenen Monaten auch, dass mit Einnahmen aus der Genossenschaft ein neues Gebäude für die Knappenschmiede errichtet werden könnte. Wie ist da der aktuelle Stand?
Dass wir in puncto Knappenschmiede Infrastruktur Bedarf haben, ist offensichtlich. Bei der Prüfung der Projekte ist aber immer entscheidend, wie hoch der Kapitalaufwand wäre. Ein neues Nachwuchszentrum wäre sehr teuer, würde einen zweistelligen Millionenbetrag kosten.
Die Knappenschmiede emotionalisiert, liegt den Fans am Herzen und ist wichtig für die Zukunft des Klubs. Würde ein solches zweckgebundenes Knappenschmiede-Projekt bei der Geno nicht erfolgversprechender sein?
Darüber diskutieren wir natürlich. Fakt ist: Als Genossenschaft wollen wir weg vom wenig konkreten „Wir helfen Schalke“, sondern wollen transparenter und konkretere Projekte angehen – die Knappenschmiede ist da sicherlich ein Beispiel. Es ist aber schwer vorauszusagen, wie erfolgreich wir heute mit einer dahingehend zweckgebundenen Kampagne wären. Eine wichtige Frage wäre dann auch: Was passiert, wenn wir beispielsweise 25 Millionen Euro als Ziel ausrufen, aber wir bei nur 15 Millionen Euro landen? Muss das Bauprojekt dann scheitern? Eine solche Konzeption ist extrem kompliziert. Deshalb passen überschaubare Projekte aktuell besser zu uns. Was die weitere Zukunft bringt, werden wir sehen.
Die Geno besitzt inzwischen 5,4 Prozent der Anteile der Stadiongesellschaft. Dürfen die Genossen im kommenden Jahr mit einer Gewinnbeteiligung rechnen?
Michael Kalthoff hat bei der Generalversammlung angedeutet, dass wir in Richtung 2027/2028 mit ersten Gewinnen rechnen können. Dann hängt es von den Genossen ab. Auf einer Generalversammlung kann darüber abgestimmt werden. Wir rechnen dank unserer Arena-Anteile in Zukunft mit Erträgen. Unser Ziel war von Beginn an eine Dividende von etwa zwei Prozent, also eine Art Inflationsausgleich. Das Geld könnte dann entweder an die Genossen ausgeschüttet werden oder in den Verein reinvestiert werden. Auch darüber entscheiden die Mitglieder auf der Generalversammlung.
Als Jürgen Gerdes im März als neuer Vorstandschef der Geno vorgestellt wurde, haben Sie gesagt, er sei ein „absoluter Glücksgriff“. Sehen Sie das auch heute noch so?
Ja. Wir brauchten jemanden, der auf Menschen zugeht, von ganzem Herzen Schalker ist und bereit ist, viel Zeit zu investieren – im Ehrenamt wohlgemerkt. Jürgen bringt all das mit und sieht eine langfristige Vision. Gleichzeitig hat der Wechsel im Vorstand auch dem Verein geholfen. Matthias Tillmann hatte in der Gründungsphase der Genossenschaft einfach zu viele Aufgaben. Er kann sich wieder auf seine Kernaufgabe fokussieren, und dort beweist er, wie gut er ist. Seine öffentliche Wahrnehmung hat sich komplett gedreht, das freut mich sehr.
Als Vorstandschef sollte Gerdes eigentlich das Gesicht der Geno sein, trotzdem ist er in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu unsichtbar. Warum?
Wir brauchen keinen zweiten „Schalke-CEO“, der permanent in der Öffentlichkeit steht. Trotzdem stimme ich Ihnen grundsätzlich zu: Jürgen sollte in der Wahrnehmung der Auf Schalke eG noch sichtbarer werden. Auf unserer Sommer-Tour haben wir angefangen, ihn mehr in den Fokus zu stellen. Dieser Weg soll sich weiter fortsetzen. Sobald wir das nächste große Projekt zusammen mit dem Verein auf die Beine stellen, wird Jürgen Gerdes das Gesicht der Genossenschaft in der Öffentlichkeit sein.
Zu hören, die Genossenschaft sei ein Flop, spornt uns an. Wir wollen, dass sich das Bild dreht.
Sven Kirstein
Gerdes‘ Rede beim Schalke-Tag kam nicht gut an. Auch bei uns im Interview sagte er beispielsweise: „Das Jahr hat etwa 250 Arbeitstage. Wenn ich also an jedem Arbeitstag einen Euro in mein blau-weißes Sparschwein stecke, ist es am Jahresende der nächste Anteilsschein.“ Spricht er wirklich die Sprache der Schalke-Fans?
Ich habe in vielen Gesprächen gespiegelt bekommen, dass seine Aussagen beim Schalke-Tag nicht gut ankamen. Sachlich sind solche Sätze korrekt, aber auf emotionaler Ebene passen sie nicht zu Schalke 04. Ich weiß zu schätzen, wie viel Geld viele Schalker für Trikots, Tickets, Auswärtsreisen ausgeben – das alles macht das Portemonnaie ziemlich leer. Wir haben das gemeinsam besprochen. Er hat es definitiv nicht böse gemeint.
Wie stehen Sie dazu, die Genossenschaft auch für Personen zu öffnen, die keine Vereinsmitglieder sind?
Grundsätzlich sehe ich einen Sinn darin, dass Verein und Genossenschaft möglichst eng beieinander sind. Unsere rund 230.000 Mitglieder könnten alle mitmachen, dennoch wird es auch Menschen geben, die kein Vereinsmitglied sind und trotzdem Interesse an der Auf Schalke eG haben. Generell bin ich offen für eine Öffnung, freue mich über jeden, der das Projekt unterstützt – jeder Euro hilft Schalke. Wir müssten eine Lösung finden, die für alle passt. Aber über eine solche Öffnung entscheidet nicht der Aufsichtsrat, sondern die Generalversammlung. Dort könnte ein solcher Antrag gestellt werden, über den dann abgestimmt werden müsste.
Finanzvorständin Christina Rühl-Hamers hat bei der Mitgliederversammlung im Sommer gesagt, die Alternativen zur Genossenschaft machen „keinen Spaß“. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?
Ich gebe ihr uneingeschränkt recht. Die Frage ist immer: Welche Alternativen gibt es? Wirtschaftliches Eigenkapital zu beschaffen ist jederzeit möglich, aber sehr teuer. Das ist aus Vereinssicht nicht gut, deshalb würde ich immer eine Lösung über die Genossenschaft vorziehen. Dass sich Christina als Finanzvorständin des Vereins Optionen anschaut, ist richtig und wichtig.
Wenn man über Alternativen zur Genossenschaft nachdenkt, landet man immer wieder auch beim Thema Ausgliederung. Ist die Geno die letzte Chance, um eine Ausgliederung zu verhindern?
Bei der Gründung der Genossenschaft ging es nie darum, welche Rechtsform der Verein hat. Es ging immer darum, wie wir Schalke wirtschaftlich stark machen können. Je größer die Genossenschaft ist, desto stärker ist am Ende auch der Verein. Vielleicht wird so eine Frage dann irgendwann obsolet – die Zukunft wird das zeigen.