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Alexander Zverev vor Nummer eins: Erschöpft, aber auf Kurs
Kein Sieg in China :
Alexander Zverev schleppt sich zur Krone

Der Sprung an die Spitze der Weltrangliste steht Alexander Zverev nach 78 Saisonmatches bevor. Nach der Halbfinalniederlage in Shanghai braucht der Vielspieler aber erst mal eine Verschnaufpause.

Mit Krönungen kennt man sich aus in Wien. Mehr als sechshundert Jahre stellte die Habsburgermonarchie Kaiser oder Könige, ehe sie nach dem Ersten Weltkrieg endete und Österreich erst mal zur Republik wurde. Wertvolle Insignien aus der glorreichen Zeit der Donaumonarchie lagern heute in der Schatzkammer der Wiener Hofburg: die Krone des Heiligen Römischen Reiches, die österreichische Kaiserkrone und der Krönungsmantel.

„Ich bin kein Roboter, ich bin ein Mensch“

Um den neuen Regenten der Tenniswelt zu küren, böte die drei Kilometer entfernte und eher nicht so hochherrschaftliche Stadthalle ein angemessenes Ambiente. Doch demjenigen, der als Einziger dafür infrage kommt, geht auf den letzten Metern seines Krönungsweges die Puste aus: Alexander der demnächst Große schleppt sich eher zum Thron, als dass er schreitet. „Ich bin kein Roboter, ich bin ein Mensch – ich werde eben müde“, sagte Zverev am Samstag nach seiner Halbfinalniederlage in Shanghai.

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Hätte Alexander Zverev das Masters-Turnier in der chinesischen Großstadt gewonnen, hätte er im Gefühl der sicheren Thronbesteigung am 2. November nach Wien reisen können. Der Hamburger hat bei dem dortigen Turnier als Vorjahresfinalteilnehmer weniger Punkte zu verteidigen als der damalige Sieger Jannik Sinner, der das Tennisjahr 2026 verletzungsbedingt beendet hat, viele Punkte verliert und die Spitzenposition in den nächsten Wochen auf jeden Fall an Zverev loswird. Dass der Hamburger als erster Deutscher am Jahresende ganz oben steht, ist seit einer Woche sicher.

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Laut Projektion der Profiorganisation ATP könnte der Deutsche am Tag nach dem Wiener Turnier, wenn zugleich in Paris der letzte Wettbewerb der Mastersserie beginnt, die Weltspitze übernehmen. Selbst wenn es die etwas unklaren Berechnungen hergäben: „Nummer eins“ nennen dürfte sich Zverev nicht am selben Tag, sondern laut ATP-Regelwerk erst, wenn er die erste Woche ganz oben hinter sich gebracht hat.

Boris Becker lobt Zverev als Schwerstarbeiter

Insofern ist auch Boris Beckers Lob in seinem Podcast mit Andrea Petković etwas voreilig. „Er ist in einen sehr illustren Kreis eingetreten“, sagte Becker, der 1991 als bisher einziger Deutscher an der Weltspitze stand (für zwölf Wochen). Zverevs letzter Schritt steht aber noch aus. Worin Becker jetzt schon recht hat: „Er hat es sich im wahrsten Sinne des Wortes erarbeitet. Er hat über den Kampf zum Spiel gefunden.“

„Er hat es sich im wahrsten Sinne des Wortes erarbeitet“, sagt Boris Becker über Zverevs anstehende Übernahme des ersten Weltranglistenplatzes.
„Er hat es sich im wahrsten Sinne des Wortes erarbeitet“, sagt Boris Becker über Zverevs anstehende Übernahme des ersten Weltranglistenplatzes.dpa

Kein Wunder, dass sich Zverev in diesen Oktobertagen schlapp fühlt. Dass er in Shanghai nicht den dritten Titel der Saison nach den French Open und den US Open gewinnen konnte, konnte er verkraften. „Ich habe in dieser Woche meine Erwartungen sozusagen übererfüllt, weil ich so viel Tennis gespielt habe“, sagte Zverev nach seiner 7:5-, 4:6-, 3:6-Halbfinalniederlage gegen Alejandro Davidovich Fokina.

78 Matches hat er in dieser Saison schon absolviert, ist damit der Vielspieler unter den Topstars. Auch mit seinen 62 Siegen führt er die Statistik an, deutlich vor dem Russen Daniil Medwedew (45) und dem Italiener Sinner (44), der seit dreieinhalb Monaten nicht mehr angetreten ist. Vor allem ist er, anders als die in den vergangenen Jahren dominanten Carlos Alcaraz und Jannik Sinner, von Verletzungen verschont geblieben.

Auch Robustheit gehört zu einer Nummer eins

Dass auch solche Robustheit ein Qualitätsmerkmal ist, können Freunde der Sinner/Alcaraz-Rivalität schwer anerkennen. „Soll man sagen: ‚Ich möchte nicht die Nummer eins werden, ich hebe das Ranking für die anderen auf, wenn sie zurückkommen‘?“, fragte die US-Tennisspielerin Jessica Pegula in ihrem Podcast spitz. Der frühere englische Tennisprofi Tim Henman sagte am Rande des Laver Cup: Zverev „hat nicht immer sein bestes Tennis gespielt, aber einen Weg gefunden, um zu gewinnen“. Auf diese Weise hat er sich zwei Grand-Slam-Turniersiege und die künftige Ausnahmestellung verdient.

Gegen den fintenreichen Davidovich Fokina fand er keine Mittel und Wege. „Platt“ und „energielos“ sei er gewesen, sagte der Weltranglistenzweite nach dem Match. Zverevs Aufschlag war nicht so ertragreich wie sonst, obwohl der Hartplatz in Shanghai deutlich schneller war als im Vorjahr. Schwach waren seine Returns, vor allem mit der Vorhand, wofür er auch eine Erklärung hatte: „Der schwierigste Schlag bei Müdigkeit ist der Return. Denn beim Tennis werden nach meiner Meinung als Erstes die Augen müde.“

Nun wird Zverev ein bisschen zu seinem Erholungsglück gezwungen. Eigentlich hatte er vorgehabt, zwischen den Turnieren von Shanghai und Wien beim saudischen Schaukampf „Six Kings Slam“ in Riad zu starten. Dort sind zwar keine Weltranglistenpunkte zu holen, aber ein paar Millionen Euro zu verdienen, die der Hamburger dann auf die hohe Kante legen oder sich damit das eine oder andere Ferienhausschnäppchen auf Sylt leisten könnte.

Doch haben die Saudis das Schauturnier aufgrund der angespannten Sicherheitslage am Golf auf Dezember verlegt. Zeit zum Luftholen also für die letzten Meter auf dem Krönungsweg zum Herrscher des Welttennis.

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