flag
back Zurück
"Die Entscheidung stellt unsere gesamte Existenz infrage"

Sportler wie Vinzen Geiger bangen um ihre Karriere. © IMAGO/Beautiful Sports International/IMAGO/Steffie Wunderl

Die Zukunft der Nordischen Kombination hängt am seidenen Faden. Nach dem Olympia-Aus für die Sportart drohen weitere Einschnitte. DSV-Sportdirektor Horst Hüttel erklärt, wie ernst die Lage ist und was jetzt passieren muss. Den früheren FIS-Chef Johan Eliasch macht er für einen Teil der Misere verantwortlich

Die Nordische Kombination kämpft um ihre Zukunft – und die Zeit wird knapp. Nachdem die Sportart aus dem olympischen Programm für die Winterspiele 2026 gestrichen wurde, wächst die Sorge um ihre Strukturen in Deutschland. Bundestrainer Eric Frenzel warnte zuletzt sogar vor einem möglichen Kollaps. Nun drohen auch im Nachwuchsbereich massive Einschnitte: Zwei Internate stehen vor einer ungewissen Zukunft, zudem fallen ab dem 1. Januar 2027 wichtige Bundesmittel weg.

Wie ernst ist die Lage tatsächlich? Und was muss passieren, damit die Nordische Kombination nicht schleichend ihre sportliche Basis verliert? Horst Hüttel, Sportdirektor für Skisprung und Nordische Kombination beim Deutschen Skiverband (DSV), spricht über die finanziellen Risiken, die Folgen für den Nachwuchs und die Verantwortung der internationalen Verbandsführung. Dabei geht es auch um die Frage, ob die bisherigen Bemühungen ausreichen, um der traditionsreichen Sportart eine Perspektive zu geben.

Herr Hüttel, Eric Frenzel hat vergangene Woche sogar vor einem möglichen Kollaps der Sportart gewarnt. Teilen Sie diese Einschätzung oder hält er die Lage für dramatischer, als sie tatsächlich ist?

Horst Hüttel: Nein, die Lage ist für alle Beteiligten dramatisch und enorm herausfordernd. Einerseits wollen wir uns auf den Sport konzentrieren. Andererseits hat die Entscheidung vom 7. Juli in der gesamten Welt der Nordischen Kombination erdrutschartige Veränderungen ausgelöst – nicht nur in Deutschland, sondern auch international. Die Informationen, die wir von der FIS erhalten hatten, die allein mit dem IOC korrespondierte und in Kontakt stand, gingen in eine andere Richtung.

Welche waren das?

Wir müssen leider feststellen, dass uns seitens der FIS wahrscheinlich nicht immer die Wahrheit gesagt wurde. Aus dem inneren Kreis des Verbands sind inzwischen Informationen nach außen gedrungen, die in eine andere Richtung weisen. Darüber sind wir enttäuscht. Die Entscheidung stellt unsere gesamte Existenz infrage. Gleichzeitig wollen wir bei den Wettkämpfen performen. Eine Weltmeisterschaft steht vor der Tür, bei der wir, wie die Athleten der anderen Nationen, zeigen wollen, was wir können. Einerseits müssen wir die Situation vom Sport trennen, andererseits lässt sich beides nicht vollständig voneinander lösen. Das macht die Lage schwierig.

Was passiert, wenn öffentliche Fördermittel künftig wegfallen oder gekürzt werden?

Der Wegfall der Bundesmittel hat verheerende Auswirkungen auf den gesamten Skisprungsport. Nicht nur die Förderung der Nordischen Kombination, sondern auch die des Skisprungs hängt in vielerlei Hinsicht an öffentlichen Mitteln. Das betrifft vor allem Sportstätten, Baumaßnahmen, Infrastruktur und deren Unterhalt, aber auch Trainerstellen.

Droht einer gesamten Sportart bald das Aus?

Gibt es bereits konkrete Signale, dass Sponsoren, Förderer oder andere Geldgeber ihr Engagement überdenken?

Bei den Sponsoren ist das nicht der Fall. Seitens des Bundes ist aber ganz klar, dass die Institute IAT und FES sowie ein Großteil der Bundesmittel ab dem 1. Januar 2027 nicht mehr zur Verfügung stehen werden.

Welche Folgen hätte eine finanzielle Schwächung für die Nachwuchsarbeit? Droht Deutschland dadurch sogar, eine ganze Generation an Talenten zu verlieren?

Definitiv. Wir haben bereits Signale von zwei Eliteschulen erhalten, die überwiegend von den Ländern finanziert werden. Diese Länderfinanzierungen hängen ebenfalls mit der Bundesfinanzierung zusammen. Uns wurde signalisiert, dass dort künftig keine Nordische Kombination mehr betrieben werden kann und soll. Das ist fatal für die Sportler, die bereits an diesen Schulen sind, aber auch für mögliche Neuaufnahmen, die dadurch wegfallen könnten. Wir haben im Nachwuchsbereich ungefähr sieben Internate. Bei zwei davon haben wir über die Länder bereits die Information erhalten, dass die Unterstützung zum 1. Januar 2027 praktisch wegfallen soll.

Wo wäre der Verband bei weiteren Einschnitten besonders verwundbar?

Besonders einschneidend wäre der Wegfall der wissenschaftlichen Betreuung durch das IAT und das FES. Das träfe vor allem den Spitzenbereich, weil wir unser System in den vergangenen Jahren darauf aufgebaut haben. Aber auch ein Wegfall einer bundesfinanzierten Trainerstelle tut uns natürlich sehr weh. Es stecken ja überall Menschen mit Familien dahinter.

Deutschland geht mit München in das Rennen um die Olympia-Ausrichtung. Über allem schwebt aber die Frage: Was hat das Land eigentlich davon? Und welche Rolle spielt der Sport bei dem Ganzen eigentlich noch? Darüber sprechen wir in dieser Folge unseres Podcasts "Xplained" ().

Was sagen Sie jungen Athleten, die sich angesichts der unklaren olympischen Zukunft fragen, ob sich der Weg in die Nordische Kombination überhaupt noch lohnt?

Das ist eine schwierige Frage, die wir derzeit nicht beantworten können, weil wir selbst noch nicht genau wissen, wie es weitergeht. Es gibt durchaus Sportarten, die auch ohne Olympia eine gute Existenz haben. Im Moment überstrahlt der olympische Status allerdings alles. Deshalb bleibt eine gewisse Resthoffnung, weil das IOC eine mögliche Rückkehr für 2034 in Aussicht gestellt hat. Das ist aber eine enorm lange Zeit. Ich glaube, dass wir diese Frage erst im Laufe und gegen Ende des kommenden Winters seriös beantworten können. Dann werden wir sehen, wie der Weltcup läuft, wie er angenommen und präsentiert wird. Danach werden wir mehr sagen können.

Besteht die Gefahr, dass auch andere Nationen ihre Programme zurückfahren und dadurch das internationale Niveau sowie die Konkurrenzfähigkeit der Sportart insgesamt sinken?

Definitiv. Diese Gefahr besteht. Uns liegen bereits Informationen aus einigen Ländern vor, die noch stärker als wir von Bundesmitteln abhängig sind. Deshalb ist das eine extrem herausfordernde Phase für unsere Disziplin.

Hat der DSV seit der Entscheidung gegen die Nordische Kombination bei Olympia konkrete Maßnahmen ergriffen, um die Zukunft der Sportart zu sichern?

Wir führen im Verband einen sehr offenen und konstruktiven Gesprächsprozess mit den verantwortlichen Trainern und den Athletensprechern, die wir ebenfalls eingebunden haben. Der Verband hat dabei ganz klar gesagt, dass er zur Nordischen Kombination steht. Auch bei den nächsten beiden Weltmeisterschaften, 2027 in Falun und 2029, ist die Nordische Kombination fest im Programm der Nordischen Ski-Weltmeisterschaften vorgesehen. Dennoch müssen wir abwarten, welche Auswirkungen der Wegfall des olympischen Status tatsächlich hat und wie sich die FIS präsentiert – auch im Rahmen gemeinsamer Weltmeisterschaften. Das sind offene Fragen, die sich derzeit nicht beantworten lassen.

Empfohlenes Video

Felix Neureuther fehlt bei Charity-Event: Vater Christian erklärt, warum

Was ist jetzt besonders wichtig?

Entscheidend für die Disziplin wird sein, wie intensiv und mit wie viel Herzblut die FIS in Zukunft agieren wird. Hier sind vor allem der Präsident Alexander Ospelt und der Generalsekretär Urs Lehmann in der Führung gefordert. Die beiden Vorgänger Johann Eliash und Michel Vion haben dieses Herzblut komplett vermissen lassen.

Wie geschlossen steht der deutsche Wintersport insgesamt hinter der Nordischen Kombination? Ist die Unterstützung des DOSB und der anderen Disziplinen ausreichend?

Der DOSB hat den Prozess bereits unterstützt. Von der deutschen Politik, insbesondere vom Innenministerium, hätte ich mir allerdings etwas mehr Unterstützung gewünscht. Die Nordische Kombination hat über Jahrzehnte bei Olympischen Spielen Goldmedaillen für Deutschland gewonnen. Von den Athleten anderer Disziplinen erfahren wir vor allem intern Unterstützung. Kollegen aus dem Biathlon, dem Skilanglauf und dem Skispringen kommen auf uns zu und unterstützen uns. Nach außen hin wäre sicherlich auch noch das eine oder andere möglich gewesen. Man muss aber verstehen, dass die anderen Athleten ebenfalls auf ihren eigenen Sport fokussiert bleiben. Deshalb sollte man hier auch nicht zu viel erwarten.

Keine Zukunft? Olympioniken blicken mit Sorge auf ihren Sport

Gibt es bei den deutschen Spitzenathleten Überlegungen, in den Skilanglauf oder ins Skispringen zu wechseln?

Bei den Spitzenathleten ist das schwierig. Wer eine Sportart über Jahre hinweg ausgeübt hat, kann nicht so schnell wechseln. Im Nachwuchs gibt es dagegen Überlegungen einzelner Sportler, sich im Skispringen auszuprobieren. Wir sind in der Nordischen Kombination sehr gut aufgestellt und haben beim Alpencup einen Fünffachsieg erreicht. Einzelne Nachwuchsathleten wollen sich nun auch im Skispringen versuchen. Solche Überlegungen gibt es bereits.

Was müsste sich sportlich oder organisatorisch verändern, damit die Disziplin 2034 wieder olympiafähig wird?

Empfehlungen der Redaktion

Das ist die spannende Frage. Es wurde bereits viel unternommen. Die 2022 kritisierte Universalität haben wir beispielsweise bei den Frauen zu 100 Prozent erreicht. Sechs Nationen unter den Top sechs – welche andere Wintersportdisziplin kann das vorweisen? Ich glaube deshalb, dass wir eine mögliche Chance vor allem über Lobbyarbeit haben. Die FIS muss aktiv auf das IOC zugehen und sich dort für die Nordische Kombination einsetzen. Leider kam der Wechsel des FIS-Präsidenten von Johan Eliasch zu Alexander Ospelt aus meiner Sicht zu spät. Elias hat der Nordischen Kombination großen Schaden zugefügt.

Zur Person

  • Horst Hüttel (58) ist Sportdirektor für Skisprung und Nordische Kombination beim Deutschen Skiverband (DSV). Von 1985 bis 1992 war Hüttel Mitglied der deutschen Skinationalmannschaft in der Nordischen Kombination und wurde 1989 Deutscher Meister mit der Staffel.

Könnte Ihnen gefallen

Sohn von Ex-Bundestrainer feiert Sensationssieg im Skispringen

Merkur.de vor 21 Minuten

Das Drama einer DDR-Legende

SPORT1 vor 6 Stunden

Biathlon: Klare Ansage – Bei neuer Regel wird hart durchgegriffen

Frankfurter Rundschau vor 1 Stunde

Mats Hummels spielt bei der "Promi Padel WM" um den Titel

GMX vor 2 Stunden