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Mit Tennislegende Martina Navratilova im Café Engländer

Martina Navratilova feiert am heutigen Sonntag ihren 70. Geburtstag. 167 WTA-Turniersiege, 177 Doppel-Titel und 18 Grand-Slam-Triumphe sagen im Tennis alles, und erzählen doch nichts über einen Menschen, der aus seiner Heimat geflohen ist, offen zu seiner Liebe steht und als Grande Dame auch in Wien Geschichte schrieb.

Martina Navratilova: Eine Sportgröße, die über jeden Tennisplatz hinaus bekannt ist. 

Das Zimmer war verraucht, der Kellner gottlob grantig. Aber im Hinterzimmer des Cafe Engländer in der Wiener Postgasse war im April 2003 alles angerichtet. Und als dann tatsächlich Martina Navratilova hereinspazierte, mag manch Gast seinen Kopf gehoben und sich gewundert haben, wer denn diese Grande Dame überhaupt ist und wozu all die Hektik denn nötig gewesen ist. Dabei hatte die gebürtige Pragerin doch so viel zu erzählen. Über den Tennissport, den sie dominiert und geprägt hatte wie keine andere mit 167 WTA-Siegen, 188 Doppelerfolgen und 18 Grand-Slam-Triumphen. Über 332 Wochen als Nummer 1 der Welt. Über die Pein des Kommunismus, ihre Flucht aus der eigenen Heimat. Über ihre offene Liebe zu Frauen und die Sauerei, dass ihre Hunde nicht mitfliegen konnten und in Florida bleiben mussten. Sie schimpfte wie ein Rohrspatz über den damaligen US-Präsidenten George W. Bush, die Kraftausdrücke dazu sind bis dato nicht druckreif und bleiben ebenso unvergessen wie der zusehends kleiner werdende Pressesprecher des Wiener-Energie-GP, der den Weltstar zum zweiten Mal nach Wien geführt hat für ein Tennisevent auf der Hohen Warte.

Navratilova, die am Sonntag ihren 70. Geburtstag feierte, ließ damals keinen Zweifel daran aufkommen, was Position, Erreichtes und Bewunderung ausmachen. Als Kind hatte sie schon beschlossen, den Fängen des Regimes irgendwie entkommen zu wollen und ihre Passion öffnete ein Tor. Mit 15 war sie erstmal tschechische Meisterin, aus dem Jahr 1973 datiert das erste von insgesamt 80 Duellen mit der Dauerrivalin Chris Evert. 1975 blieb die 18-Jährige nach den US Open in Amerika. Sie bat um Asyl, sorgte für eine Welle der Empörung in der Heimat, brach mit Familie, dem Zuhause und ihrer Vergangenheit. Aber es dokumentierte, und darauf legte sie im Gespräch in Wien gesondert Wert, dass sie sich „von niemandem aufhalten“ lasse.

 

Aber tatsächlich, diese Frau hat es allen gezeigt. Auf dem Tennisplatz, in der Gesellschaft, in der sie seit Anfang der 1980er-Jahre offen als Lesbe auftritt und mitgeholfen hat, Rechte durchzuboxen, von denen man im Kommunismus Angst hatte und von denen selbst Amerika in dieser Zeitepoche nicht vollends überzeugt war. Im Sport war Navratilova die erste, die aus ihrem Leben kein Geheimnis machte. Millionen, Status, Siege – sie hat es allen gezeigt und zeigte keinerlei Scheu, sich auch offen gegen die Politik des damaligen US-Präsidenten George W. Bush („Ob Irak, Afghanistan, Nuklearthema oder Heimat: Alles passiert mit einer Security-Excuse“) zu stellen. Es imponierte ebenso wie die professionelle Einstellung, im selben Atemzug den „kleinen netten Sandplatz“ auf der Hohen Warte anzusprechen, selbst ein Fan von Hermann Maier zu sein und Wien als bemerkenswerte Stadt zu sehen. Sponsor und Pressesprecher atmeten da sichtlich auf, ihr nicht zu übersehener Grant blieb.

Das muss dem Kellner gefallen haben. Er kam sehr schnell zurück mit Getränk und Kipferl für die 47-Jährige, die sich in Form gesprochen hatte und über Olympia, das x-te Comeback und den Wandel ihres Sports parlierte. „Der Tennisball weiß nicht, wie alt ich bin“, das sagte sie schon damals und bis heute hält sie diesen Satz hoch um zu verdeutlichen, dass der Lauf der Zeit eben „part of the game“ sei, nur dass man sich halt nicht an diese Zahlen klammern dürfe.

 

Sie hat dem Sozialismus und Leonid Breschnew den Rücken gekehrt, Karriere gemacht im Sport und als TV-Ikone. Navratilova hat den Krebs besiegt, Tabus entzaubert wie einst Gegnerinnen mit ihren Volleys. Ihre linke Hand, das Gelenk, konnte den Schläger drehen wie man es zuvor nie gesehen hatte. Ob Chris Evert, Steffi Graf und andere: Viele bissen sich an dieser Frau, 1956 als Martina Subertova in Prag geboren, die da jetzt im Cafe Engländer saß und ihr Kipferl fürwahr schälte, die Zähne aus. „Ich war die Vorzeige-Kommunistin, die über Nacht zur Kapitalistin wird. Es gab nichts dazwischen.“ Auch dieser Satz ist damals sehr oft gefallen.

 

Sie wollte immer nur „Richtige tun“, ob es gelinge oder nicht – „und das ist sicher nicht immer populär.“ Dafür schenke sie sich und ihren Gegnern gar nichts, ebenso dem Kellner, der noch schneller sollte bei der zweiten Bestellung. Navratilova verlieh zu ihrer Hochzeit als Nummer 1 der Tenniswelt dem Begriff von Kraft- und Ausdauertraining eine neue Dimension. Die Ernährung, damals ein vollkommen unbedachter Ansatz, krempelte sie komplett um. Jeder Fitness-Papst hätte mitschreiben müssen in diesem Augenblick. Vor ihrem 50. Geburtstag gewann sie noch einen Grand Slam (Mixed, US Open) und beendete dann ihre Karriere.

Dass sie zwei Krebserkrankungen (2010, 2022) meisterte, dem Kommunismus entkam, Amerika überzeugte und sich von ihrer Haltung nicht abbringen ließ, ringt einem Respekt und Bewunderung ab. Ihr Einsatz für Frauenrechte in den USA ist unaufhaltsam, selbst erneute private Rückschläge drängen sie nicht aus der Spur. Es wiegt für manch einen bedeutsamer als jeder Matchball.

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