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57 Länderspiele, 102 Bundesliga-Tore, eine WM. Und trotzdem saß Timo Werner zu Hause und kam nicht mehr hoch. Jetzt erzählt der Ex-Nationalspieler, was Pfiffe und Spottlieder mit ihm angerichtet haben. Auch die Fans des 1. FC Union Berlin hatten ein Lied für ihn.
Dezember 2016, RB Leipzig gegen Schalke 04, das Spiel läuft 19 Sekunden. Werner rast in den Strafraum, Torwart Ralf Fährmann zieht den Arm weg, der 20-Jährige fällt trotzdem. Elfmeter.
Werner verwandelt selbst, Leipzig gewinnt 2:1. Einen Tag später gibt er die Schwalbe zu und entschuldigt sich. Vergeben hat ihm das kaum einer. „Danach waren sie jahrelang hinter mir her“, sagt Werner jetzt im US-Podcast „The Late Run“.
„Ich habe in meiner Karriere viel Scheiße erlebt“, gesteht er. „Es gab Momente, in denen ich zu Hause saß und wirklich am Boden war.“ Irgendwann fragte er sich nur noch: „Was zur Hölle?“
Egal, in welches Stadion er kam und sogar bei der Nationalmannschaft: „Überall werde ich ausgebuht. Sie haben Lieder über mich gesungen, sich ständig irgendwelche Dinge ausgedacht.“ Der Hass blieb nicht auf den Tribünen. In keiner Stadt habe er sich ungestört aufhalten können.
An der Alten Försterei war Werner doppelt Zielscheibe: als Schwalben-Sünder und als Gesicht von RB. Gegen das „Konstrukt“ schweigen die Union-Fans 15 Minuten lang, danach donnert es von den Rängen.
Beim ersten Bundesligaspiel der Vereinsgeschichte im August 2019 trifft ausgerechnet Werner zum 0:3 (42.). Am Ende steht ein 0:4.
2020 zahlt der FC Chelsea 53 Millionen Euro für ihn, ein Jahr später gewinnt er mit den Blues die Champions League. In London kippt die Stimmung trotzdem. „Da habe ich ein paar Chancen vergeben und danach hatten sie es auf mich abgesehen.“
2022 kehrt er nach Leipzig zurück, und Köpenick hat den Reim schon fertig: „Timo Werner ist ein Retourensohn“. So schallt es beim 2:1 im August 2022 durchs Stadion An der Alten Försterei.
Mitleid bekommt Werner selten. Er hat die Schwalbe gemacht, er hat Chancen liegen lassen, die ein Nationalstürmer machen muss. Doch für 19 Sekunden Theater zahlt er einen hohen Preis.
In Leipzig spielt er zuletzt keine Rolle mehr, im Januar wechselt er zu den San Jose Earthquakes. Vertrag bis Sommer 2028, sechs Tore, sieben Vorlagen. Mit Trainer Bruce Arena hat er die Playoffs erreicht, die am 18. November beginnen.
Auf eines ist Werner heute stolz: wie er die harten Jahre weggesteckt hat. Die Schwalbe ist fast zehn Jahre her. Zugegeben hat er sie nach einem Tag. Abgezahlt hat er sie erst in Kalifornien.
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