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Noch in der Nacht verließen die Profis des FC Schalke 04 den Ort, der ihnen die größte Krise in der Amtszeit von Trainer Miron Muslic bescherte. Mit dem Bus fuhren sie zum Flughafen, reisten zurück ins Ruhrgebiet. Die Laune: irgendwo zwischen Enttäuschung und Frust. Die Zahlen des Grauens: Mit 0:2 (0:0) verlor Schalke das Zweitrunden-Pokalspiel beim Zweitligisten Dynamo Dresden am Mittwochabend, ist seit fünf Pflichtspielen sieglos. In dieser Zeit gelang S04 nur ein Tor. Muslic hat Probleme über Probleme.
Die Warnsignale sind kaum zu übersehen. Zum ersten Mal musste Muslic das kollektive Schweigen der Fankurve miterleben: keinen Applaus, keine Aufmunterung gab es von den rund 2700 mitgereisten Fans. „Die meisten von ihnen sind heute 600 Kilometer gefahren, fahren wieder zurück und sind morgen um 8 Uhr in der Arbeit. Wenn wir nicht beklatscht werden, haben wir uns das ein Stück weit verdient“, sagte Muslic. Lösungsansätze fielen dem Trainer nach dem Abpfiff nicht ein, er sprach von einer „hochverdienten Niederlage“. Auch ihn hat das taktische und personelle Glück verlassen. Die Angst vor dem Absturz ist zurück. Nach 16 Muslic-Monaten voll beschwingter Euphorie kommt sie mit voller Wucht.
Sorgen gibt es viele – erstens: die Offensive. Was Muslic auch immer versucht, nichts will gelingen. Ob Edin Dzeko, Hee-chan Hwang, Junior Adamu, Kenan Karaman oder Moussa Sylla stürmen: Torchancen gibt es kaum. Muslic versuchte es in Dresden mit einem System mit Dreier-, später mit Viererkette: Ein Konzept war nicht zu erkennen. Selbst die Standardsituationen, eine Stärke in der Aufstiegssaison, passen gegenwärtig nicht. „Wir waren extrem unsauber, unpräzise mit dem Ball“, schimpfte Muslic. „Ich muss die Stürmer in Schutz nehmen. Es ist eine kollektive Aufgabe der Mannschaft.“ Zweite Sorge: die Personalnot. Abwehr-Alternative Maxi Wöber fällt längerfristig aus, ein Comeback von Robin Gosens und Soufiane El-Faouzi nach ihrem Kopf-Crash beim 0:0 in Köln vor einer Woche ist nicht in Sicht. Mut macht, dass Kenan Karaman und Dejan Ljubicic nach Verletzungen zurück ins Team drängen. Drittens: Bisher spielte Schalke unter Muslic immer diszipliniert. In Dresden ließen sich die Spieler zu Rangeleien provozieren und sahen Gelb (Adil Aouchiche, Nikola Katic), Hee-chan Hwang schubste in einer Behandlungspause einen Schalker Physiotherapeuten. „Das hat mir nicht gefallen“, sagte Muslic mit finsterer Miene über Hwang. Und die vierte Sorge: das Programm der kommenden zehn Tage.
Die kommenden Wochen werden sehr hart.
Miron Muslic, Schalke-Trainer
Muslic bereitete die Fans in Dresden rhetorisch darauf vor, dass es vom drittletzten Platz noch weiter nach unten gehen könnte. Die nächsten Gegner sind die Europapokal-Teilnehmer RB Leipzig (Samstag, 15.30 Uhr/Sky) und TSG Hoffenheim (8. November in Sinsheim). „Die kommenden Wochen werden sehr hart“, sagte Muslic. Eine umfangreiche Arbeit auf dem Trainingsplatz ist kaum möglich, in englischen Wochen geht es vor allem um Belastungssteuerung und viele Gespräche. Muslic muss zeigen, dass er nicht nur ein glänzender Motivator ist, sondern auch einer, der zuhören und wenig selbstbewusste Profis aufbauen kann. Kapitän Kenan Karaman sprach die Führungsspieler an: „Wir haben genügend auf dem Platz. Da müssen wir uns selbst die richtigen Fragen stellen. Wie kann jeder einzelne dem Team helfen? Es liegt an uns.“
Auf dem Platz ist Schalkes Lage gruselig, und auch außerhalb wird es Ende der Woche wenig spaßig: Am Freitag stellt Finanzvorständin Christina Rühl-Hamers den Jahresabschluss vor. Sie wird dann verkünden, dass Schalke die Eigenkapitalauflage für das Jahr 2026 erfüllt, dass die Sponsoringerlöse gestiegen sind. Aber wie geht es 2027 weiter? Schalke muss das negative Eigenkapital (aktuell 96 Millionen Euro) um rund 9,6 Millionen Euro verringern, die Fördergenossenschaft ist ein Flop, viele Preise hat Schalke schon erhöht (Bier, Parkplatz, Trikots, Schalke-TV) – da gibt es nicht mehr viele Möglichkeiten. 2030 werden 90 Millionen Euro Anleihe fällig – kaum vorstellbar, wie die Rückzahlung als Zweitligist klappen soll.
Doch so weit ist es längst nicht. Die Saison befindet sich zwar nicht mehr in der Anfangsphase, aber noch bleibt Muslic eine Menge Zeit, um seine Strategie zu modifizieren. Im Januar 2027 kann Schalke den Kader durch Winter-Transfers noch einmal umbauen. „Es war klar, dass schwere Phasen kommen würden“, sagte Direktor Youri Mulder. Muslic zog die Kraft aus der Vergangenheit: „Vor 16 Monaten lag alles in Schutt und Trümmern. Wir haben den Mut nicht verloren. Es ist alles möglich.“ Auch am Samstag gegen Leipzig? Wer in Dresden in die Gesichter der Schalke-Spieler schaute, bevor sie zum Flughafen aufbrachen, der konnte nur zu einem Ergebnis kommen: Diese Mannschaft ist enttäuscht und frustriert. Aber sie strahlt keinen Optimismus aus.