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SC Freiburg: Was Derry Scherhants Geschichte über den Nachwuchsfußball erzählt

Derry Scherhant gehörte lange keinem Nachwuchsleistungszentrum an. Nun spielt er für das DFB-Team. Seine Geschichte stellt infrage, wie der deutsche Fußball mit Spätentwicklern umgeht.

Für seinen Traum vom Profifußball musste Derry Scherhant viele Umwege machen.

Ist ein wenig später geworden. Beim Essen hat es länger gedauert, was soll’s. Derry Scherhant verströmt Lockerheit und gute Laune, als er das Gespräch beginnt. Der Angreifer des SC Freiburg hat sein eigenes Verhältnis zum Faktor Zeit entwickelt. Stressen lässt er sich nicht, so viel ist schon mal klar. Warum auch?

Wenn Scherhant in einem der wenigen ruhigen Momente über die bisher 23 Jahre seines Lebens nachdenkt, gelangt er zu dem Schluss: „Es ist alles noch viel besser gekommen, als ich es mir erträumt hätte.“ Vor einigen Tagen hat er gegen Serbien sein Debüt für die deutsche Nationalmannschaft gegeben, gegen Griechenland stand er erneut auf dem Platz und verzückte Fans, Mitspieler und den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp.

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Scherhant umdribbelte seine Gegenspieler auf den Außenbahnen mit einer Leichtigkeit, wie sie seit Pierre Littbarski vielleicht niemand mehr zeigte. „Traumdebüt bei Klopp“, schrieb der „Berliner Kurier“ und freute sich über den nächsten Nationalspieler aus der Hauptstadt. Scherhant selbst blickt auch mit etwas Abstand immer noch ungläubig auf seine Anfänge im Nationaltrikot zurück. „Einmal für Deutschland spielen, das war schon mehr als ein Traum. Auch, weil es ganz lange ganz weit war. Irgendwie kann ich es noch immer kaum fassen“, sagt er.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

So kindlich, so ungläubig kann sich nur einer freuen, der wirklich nicht damit rechnen konnte, so weit zu kommen. Scherhants Karriereweg ist mindestens ungewöhnlich, ja aus der Zeit gefallen. Erst recht in Anbetracht seines derzeitigen Vereins SC Freiburg, der sich zu Recht dafür rühmen darf, eine der erfolgreichsten Talentschmieden des Landes zu betreiben und es auf deren Grundlage bis an die Spitze der Bundesliga geschafft zu haben. An diesem Sonntag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei DAZN) tritt Freiburg als Tabellenführer bei Bayer Leverkusen an .

Der Klubfußball meint es nicht gut mit Scherhant

Anders als alle, mit denen Scherhant während der Länderspiele auf dem Platz stand, gehörte er lange keinem Nachwuchsleistungszentrum an. Er wurde an keiner Eliteakademie wie der Freiburger ausgebildet, spielte nur wenige Spiele in der Junioren-Bundesliga und wurde erst recht nicht für eine der Nachwuchs-Nationalmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes nominiert.

Er galt nie als Hochbegabter wie Florian Wirtz oder Kai Havertz. Niemand hatte ihn im Kopf, wenn es um eine erfolgreiche Profikarriere ging. Scherhant ist ein Spätstarter, ein Spätentwickler. Einer, der sich Zeit ließ und selbst dann nicht nervös wurde, wenn es scheinbar zu spät war.

Seine Geschichte beginnt in Berlin-Charlottenburg, einem gutbürgerlichen Stadtteil im Westen der Hauptstadt, einen Torschuss vom Olympiastadion entfernt. Dort lebt er mit seinen Eltern. Der Vater stammt aus Kamerun, die Mutter aus Berlin. Sein erster Fußballverein ist der SC Charlottenburg, in Berlin nur SCC genannt, der sich die Hans-Rosenthal-Sportanlage mit dem deutlich bekannteren Klub Tennis Borussia teilt, zu dem Scherhant bald wechselt. Bei TeBe ist er einer von vielen.

Mal spielt er, mal nicht. Es folgt der Wechsel zu Viktoria Berlin, aber auch dort fällt er nicht auf und geht zurück zu Tennis Borussia. Der Klubfußball meint es nicht gut mit ihm.

Besser läuft es in der Schule. Als einer von nur drei Jungs, die nicht bei Hertha BSC spielen, schafft er zur siebten Klasse die Aufnahmeprüfungen zur Poelchau-Sportschule. Dort wird Markus Schatte sein Klassenlehrer, ein erfahrener Nachwuchstrainer mit geschultem Auge. „Ich hatte sofort was für Derry übrig, ich habe was in ihm gesehen“, sagt Schatte.

„Das war schon eine besondere Klasse“

Auch für ihn waren es bewegende Wochen. Zu Scherhants Debüt ist er nach München gefahren, aber nicht nur seinetwegen. Auf der anderen Seite spielte Lazar Samardžić für Serbien, auch er war Schattes Schüler. Nach dem Spiel kamen beide Spieler direkt zur Tribüne gelaufen, wo Schatte wartete. Das gemeinsame Foto haben alle drei auf ihren Mobiltelefonen.

„Das war schon eine besondere Klasse. Zwanzig Jungs und sieben davon sind Profis geworden. Eine absolut außergewöhnliche Quote“, sagt Schatte. Bei so vielen Talenten hatte es Scherhant zunächst schwer. Samardžić galt als Hochbegabter, genau wie Ransford Königsdörffer. „Derry lief bei all den herausragenden Talenten unter dem Radar. Erst recht, weil er nicht bei Hertha BSC spielte“, sagt Schatte.

„Dadurch gehen uns viele talentierte Fußballer verloren“

Es wäre leicht, aber falsch, Derry Scherhant als übersehenes Juwel darzustellen, der aufgrund inkompetenter Scouts und engstirniger Trainer keine Chance bekam. „Es gab definitiv Jungs, die zu dieser Zeit besser waren“, sagt Schatte. Viel mehr stellt Scherhants Geschichte bestimmte Aspekte der deutschen Talentförderung infrage. Dazu gehört vor allem der Umgang mit sogenannten „retardierten Spielern“, mit Spielern also, deren Entwicklung oder Wachstum verzögert einsetzt. Spielern wie Derry Scherhant.

Scherhant wurde am 10. November geboren, gegen Ende des Jahres 2002. Damit musste er von Geburt an einen Nachteil wettmachen: Im deutschen Nachwuchsfußball erfolgt die Mannschaftseinteilung nach dem Geburtsjahr. Das heißt, in Klubs wie Tennis Borussia bildeten alle 2002 Geborenen eine Mannschaft. Bei Sichtungsmaßnahmen wird ebenfalls auf Grundlage des Geburtsjahres bewertet. Nur macht es bei der kindlichen Entwicklung oft einen gewaltigen Unterschied, ob jemand im Januar eines Jahres oder im Dezember geboren wurde.

„Dadurch gehen uns viele talentierte Fußballer verloren“

Zwischen beiden Kindern liegen dann fast zwölf Monate. Also zwölf Monate, in denen der eine früher laufen, motorische Fähigkeiten entwickeln oder auch wachsen konnte. Der Altersunterschied innerhalb eines Kalenderjahres führt oft dazu, dass die früh Geborenen bei Sichtungen auffälliger spielen, weil sie größer sind und sich entsprechend besser durchsetzen können.

Studien belegen, dass zwischen 70 und 75 Prozent aller Profis der ersten und zweiten Bundesliga in der ersten Jahreshälfte geboren wurden. Das legt nahe, dass jüngere Fußballer aufgrund ihrer altersbedingten Entwicklungsdefizite irgendwann aus dem Fördersystem fallen. „Dadurch gehen uns viele talentierte Fußballer verloren“, sagt Schatte.

Wie er seine Gegenspieler einfach stehen lässt, hat Scherhant auf den Betonplätzen Berlins gelernt.
Wie er seine Gegenspieler einfach stehen lässt, hat Scherhant auf den Betonplätzen Berlins gelernt.Reuters

Fußballer wie Derry Scherhant. Mit seiner schmächtigen Statur fiel er nicht besonders auf, aber Schatte bemerkte bei seinem Schüler eine Eigenschaft, die bei ihm ausgeprägter war als bei vielen anderen. Fleiß.

„Bis zur achten Klasse war das Ballgefühl bei Derry nicht sonderlich ausgeprägt. Ich habe ihm dann gesagt, er soll doch bitte in seiner Freizeit üben. Jonglieren oder den Ball gegen eine Mauer schießen“, erzählt Schatte. Der Trainer wohnt nahe dem Olympiastadion. Als er wenige Tage nach dem Gespräch mit Scherhant zum Stadion läuft, kommt er an einem Betonplatz vorbei. „Nirgendwo war jemand zu sehen. Außer Derry. Der stand dort ganz allein und hat jongliert“, sagt Schatte.

„Derry, du musst spielen“

Im Olympiastadion sitzt Scherhant zu dieser Zeit auch öfter. Hertha ist sein Lieblingsverein. Obwohl er bei seinen Klubs nur unregelmäßig zum Einsatz kommt, träumt er von einer Profikarriere. „Jedes Mal, wenn ich auf der Tribüne saß, habe ich mir gesagt, da unten will ich auch spielen“, sagt er. Geographisch ist Hertha ganz nah, sportlich aber so fern.

Sein erstes Jahr in der A-Jugend verbringt Scherhant bei Tennis Borussia hauptsächlich auf der Bank. Damit ist im Grunde alles vorbei, ehe es angefangen hat. Normalerweise spielen Profis zu dieser Zeit in der Junioren-Bundesliga. Wer wie Scherhant in der zweitklassigen Regionalliga auf der Bank sitzt, hat keine Chance. Schatte, der damals neben seinem Lehrerberuf die A-Jugend des Berliner SC trainiert, rät Scherhant zum Wechsel. „Derry, du musst spielen“, sagt er.

Über dem Türrahmen klebt ein Blatt Papier mit 15 Kästchen

Plötzlich geht alles ganz schnell. Scherhant, inzwischen deutlich gewachsen, ist beflügelt vom Vertrauen seines Trainers. Beim Berliner SC sticht er sofort heraus. „Nach vier, fünf Spielen habe ich bei Hertha Frank Vogel angerufen und gesagt: ‚Frank, du musst dir den Derry anschauen. Der ist wirklich gut‘“, sagt Schatte.

Hertha verpflichtet Scherhant zur Winterpause für die U19. Doch Corona unterbricht den rasanten Aufstieg. Monatelang muss der Fußballbetrieb aussetzen. Vereine dürfen nicht trainieren, Plätze sind gesperrt. Scherhant aber lässt sich auch von einer Pandemie nicht entmutigen. Ihn verschlägt es dorthin, wo alles anfing: auf die Hans-Rosenthal-Anlage. Mit seinen Freunden klettert er über Zäune. Wenn der Platzwart oder das Ordnungsamt kommen, verstecken sie sich. Wie früher als kleine Kinder kicken sie von morgens, bis die Dunkelheit einsetzt.

„Wir haben ganz viel eins gegen eins gezockt. Irgendwie war immer ein Torwart da, dann hieß es Abwehr gegen Angriff“, sagt Scherhant. Vor dem Tor Jonathan Burkardts gegen Griechenland, das dann aberkannt wurde, lässt Scherhant seine Gegenspieler einfach stehen. Er zieht mit einem Selbstvertrauen an ihnen vorbei, das nur jemand hat, der diese Bewegungen tausendmal trainiert hat. Dieses Nichttor gegen Griechenland ist vor sechs Jahren auf der Hans-Rosenthal-Anlage in Berlin entstanden. „Diese Moves, die haben wir uns damals draufgepackt“, sagt Scherhant.

Endlich bei Hertha, ordnet er alles seinem Ziel unter. Als der Spielbetrieb wieder einsetzt, wird er in die zweite Mannschaft übernommen. „Ich habe mir dann angeschaut, was die Spieler vor mir für Zahlen hatten, die einen Profivertrag bekommen haben“, sagt Scherhant. Für sich kommt er zu dem Schluss, dass er mindestens 15 Tore schießen muss.

Über den Türrahmen seines Zimmers klebt er ein weißes Blatt Papier. Darauf malt er 15 Kästchen. Nach jedem Tor kreuzt er ein Kästchen mit roter Farbe an. „So konnte ich jeden Morgen sehen, wie viele Tore mir noch fehlen.“ Am Ende werden es 16, Hertha gibt ihm den lang ersehnten Vertrag.

Raus aus Berlin: „Das war schon eine Umstellung“

Derry Scherhant, der Junge, der etwas mehr als zwei Jahre zuvor noch beim Berliner SC als Amateur kickte, ist nun offiziell Profi. Gleich am ersten Spieltag gibt er sein Debüt gegen Frankfurt. Später schießt er gegen Gladbach sein erstes Tor. „Diesen Moment werde ich nie vergessen. Da waren so viele Emotionen. Ich hatte es tatsächlich geschafft“, sagt Scherhant.

Aber Hertha ist zu dieser Zeit kein einfacher Klub, um in eine Profikarriere zu starten. Nach Scherhants erster Saison steigen die Berliner ab, später stirbt Präsident Kay Bernstein. Das Geld ist knapper denn je. Im Sommer 2025 wird Scherhant verkauft und wechselt zum SC Freiburg.

Zum ersten Mal raus aus Berlin. „Das war schon eine Umstellung. Aber inzwischen fühle ich mich sehr wohl im Klub und in der Stadt.“ Was er besonders schätzt: den familiären Umgang im Verein, dieses Jeder-kennt-jeden. „Hier arbeiten ganz viele Leute, die schon sehr lange im Klub sind. Diese Ruhe tut einfach gut“, sagt er.

In Freiburg schöpft Scherhant die Möglichkeiten zur eigenen Entwicklung voll aus. Unter der Woche misst er sich mit dem SC im Europapokal. Vergangene Saison ging es in der Europa League sogar bis ins Finale, wo man Aston Villa unterlag. Und nun dieser Traumstart in der Bundesliga samt Debüt in der Nationalmannschaft. „Es läuft schon richtig, richtig gut gerade“, sagt Scherhant.

Aus der Ferne hat Markus Schatte neue Facetten an seinem ehemaligen Schüler entdeckt. „Was er mit seinem linken Fuß macht, diese Flanken, das hat er sich jetzt alles in Freiburg angeeignet. Ich bin gespannt, wo seine Entwicklung noch hinführt“, sagt er. So viel steht jedenfalls fest: Derry Scherhant, der Spätstarter, fängt gerade erst an.

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