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Harry Kane liefert für den FC Bayern München in der Champions League gegen Arsenal London mal wieder eine Gala-Vorstellung. Der Englänger brilliert als Torschütze, Vorlagengeber und Regisseur. Nur Bundestrainer Jürgen Klopp versteht die Rolle nicht.
Von Leopold Grünwald, Bernd R. Eberwein
Max Eberl machte es kurz. "Heute nicht", antwortete der Sportvorstand des FC Bayern München nach dem 2:2 (1:1) des deutschen Rekordmeisters in der Champions League gegen den FC Arsenal. Die Frage, die der Funktionär abbügelte, hatte dabei nichts mit dem Ergebnis oder der Leistung seiner Mannschaft zu tun, sondern richtete sich auf den Zeitpunkt nach einer Verlängerung von Harry Kane.
Der Engländer hatte sich gerade zum besten Bayern-Spieler auf dem Platz aufgeschwungen – wie so oft seit seinem Wechsel an die Isar. Anders als sonst üblich hatte Kane aber nicht nur mit Toren geglänzt.
Ein Treffer vom Punkt war dem 33-Jährigen zwar auch gelungen, doch gegen die Gunners stachen vor allem seine Fähigkeiten als Ballverteiler ins Auge. Immer wieder ließ er sich als Anspielstation ins Mittelfeld zurückfallen und setzte seine Mitspieler in Szene.
Besonders ersichtlich war das bei zwei Szenen in der ersten Halbzeit. Beim Stand von 0:0 hatten die Bayern nach einer Ecke der Gäste Abstoß. Die aufgerückten Arsenal-Stars trotteten noch etwas gemächlich zurück in die eigene Hälfte, da hatte Torhüter Manuel Neuer einen Geistesblitz.
Der Weltmeister von 2014 sah, dass Alphonso Davies, der Luis Díaz auf dem linken Flügel vertrat, die Chance auf eine Eins-gegen-eins-Situation mit Jurrien Timber hatte. Seine Idee teilte der Routinier prompt Kane mit, der direkt reagierte und den Ball über rund 50 Meter perfekt in den Lauf des pfeilschnellen Kanadiers spielte, was aber nicht mit der Führung belohnt wurde.
Den ohnehin traumhaften Pass übertraf Kane vor dem Ausgleich zum 1:1 (35.). Nach einem Einwurf kam Kane im Mittelkreis an den Ball und bekam von der Defensive der Londoner eine Sekunde zu viel Zeit.
Der Stürmer hatte das Auge für Davies, der erneut ins Laufduell mit Timber startete. Kane schnitt den Ball an, sodass dieser Timber umkurvte und in den Füßen von Davies landete, der mit einem Kontakt abschloss und Raya dieses Mal keine Chance ließ.
Es war ein Zuspiel zum Zungeschnalzen, das im Fußball-Jargon gerne mit dem Zusatz "Zucker" bedacht wird. Kein Wunder also, dass dieser Moment auch von Kanes Mitspielern goutiert wurde. "Der Ball ist unfassbar übrigens - geisteskrank", staunte etwa Tom Bischof bei DAZN.
Bei Trainer Vincent Kompany klang die Analyse etwas nüchterner. "Er macht diesen Assist super. Aber holt auch den Elfmeter mit seinem Schuss heraus. Vom Gefühl her ist er überall. Er trifft sehr, sehr viele Entscheidungen einfach richtig", lobte der Belgier mit seiner bekannten Zurückhaltung.
Kane als Vorbereiter, Kane als Torschütze, Kane überall. Bei Bundestrainer Jürgen Klopp, der das Spiel live in der Arena verfolgte, sorgte das dennoch für Verwunderung. "Ich habe bis heute nicht abschließend verstanden, was Bayern gegen den Ball macht. Aber ich will mich einfach weiterbilden", sagte Klopp bereits in der Halbzeit im DAZN-Interview: "Mal ist es hybrid, dann Mann gegen Mann, dann nicht gegen den Mann. Ich lerne immer noch."
Bayern-Coach Vincent Kompany gab sich, bei der Pressekonferenz nach dem Spiel, schmallippig, als er auf die Klopp-Aussagen angesprochen wurde. "Ja, da sage ich nichts zu. Nächste Frage", so Kompany.
Der Gelobte selbst konnte den kritischen Einwand von Klopp dagegen durchaus nachvollziehen. "Normalerweise ist es recht klar, wen wir pressen. Aber es hat uns ein bisschen verwirrt, wie sie sich bewegt haben", sagte er nach dem Spiel über Arsenal. So habe er sich phasenweise tiefer fallen lassen als geplant. Das sei "definitiv etwas, das ich und die Mannschaft verbessern können".
Kane enthüllte nach dem Spiel allerdings auch jenseits aller Positions-Diskussionen, dass seine Rolle als Regisseur an diesem Abend geplant gewesen war: "Ich habe vor dem Spiel zu Phonzie (Alphonso Davies, Anm. d. Red.) gesagt: 'Mach diese Läufe immer, wenn ich den Ball kriege. Dann versuche ich, dich zu finden.'"
Seine Vorlage für Davies beeindruckte ihn dabei selbst. "Der Pass an sich war auf jeden Fall einer meiner besten", sagte Kane und schob hinterher: "Ich wusste, dass Phonzie mit seinem Tempo rankommen würde."
Nun sind die Qualitäten von Kane mit dem Ball nichts Neues, aber an diesem Abend wirkte er tatsächlich weniger wie ein klassischer Mittelstürmer und mehr wie ein Spieler aus einer anderen Sportart. Denn die Art, wie der Goalgetter an diesem Abend sein Passspiel aufzug, erinnerte an einen Quarterback aus der NFL.
Superstars wie Josh Allen oder Patrick Mahomes werfen dort zwar zu ihren Passempfängern, doch die Präzision ihrer Zuspiele über weite Distanzen unterscheidet sich kaum zu dem, was Kane am Mittwochabend veranstaltete.
Bei den Bayern dürfte man hoffen, dass Kane seinen US-amerikanischen Pendants nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz nacheifert. Sowohl Allen als auch Mahomes haben in den letzten Jahren jeweils ebenso langfristige wie lukrative neue Arbeitspapiere unterzeichnet. Dann dürfte Max Eberl sich auch wieder lieber etwas ausführlicher zu Kanes Vertragssituation äußern.
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