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Es ging schon langsam auf Mitternacht zu, als Harry Kane aus der Kabine des FC Bayern München kam und Richtung Ausgang der Allianz-Arena schlenderte. Fast immer ist der 33-Jährige einer der letzten Profis, die nach dem Duschen durch die Interviewzone gehen und fast immer bleibt er zum Gespräch mit den Reportern stehen.
Diesmal, nach dem 6:1 des FC Bayern München in der zweiten DFB-Pokalrunde gegen den 1. FC Magdeburg, hätte er gar nicht stehenbleiben müssen. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Spieler ohne Einsatz in Ruhe gelassen werden vor der Heimfahrt. Und Kane hatte nicht gespielt. Dafür eine Menge erlebt. Es fühle sich an, als sei das 3:1 am Sonntagabend beim SC Freiburg „sechs Wochen her“, sagte der Brite und fing an, zu plaudern. Die heimische und die internationale Presse, angereist von Mexiko bis Südamerika, hing an den Lippen des neuen Weltfußballers.
Meist hat er die Auszeichnung für den Spieler des Spiels im Gepäck oder hin und wieder eine Plastiktüte in der Hand mit dem Spielball als Souvenir für einen Dreierpack. Den Ballon d’Or, diese Kugel der Sehnsucht, hatte Kane nicht dabei. Alles zu seiner Zeit. An diesem Samstag, kurz vor Anpfiff (18.30 Uhr, Sky) des weltweit übertragenen deutschen Klassikers zwischen Meister und Tabellenführer Bayern sowie dem punktgleichen Verfolger Borussia Dortmund, wird Kane geehrt – samt Präsentation des goldenen Objekts der Begierde.
Als die Mannschaft samt Kane, gehüllt in einen Anorak, nach Spielende auf der Ehrenrunde war, verkündete der Stadionsprecher: „Gegen Dortmund werden wir unseren Harry Kane hochleben lassen, unseren Weltfußballer.“ Unter den 75.000 Zuschauern gegen Magdeburg waren bei nasskaltem Herbstwetter dennoch viele enttäuschte Gesichter, die ihren Helden gerne hätten spielen sehen.
Er wurde geschont. Dabei rief ihn Interimstrainer Aaron Danks von der Aufwärmzone, in der er von den Fans in der Nordkurve mit „Har-ry! Har-ry!“-Sprechchören gefeiert wurde, nach rund 70 Minuten zu sich. Kane sprintete beim Stand von 3:1 zur Bank, als ginge es ums Weiterkommen in der Champions League, machte sich bereit. Nach dem Motto: Wer hart feiern kann, kann auch hart arbeiten. Doch dann erhöhte Alphonso Davies auf 4:1 – das Spiel war gelaufen. Und Kane musste sich wieder setzen.
Koan Kane, sagt man in Bayern. Kein Kane. Schade für die Fans, logisch für die Mannschaft mit Blick gen Samstag, das Duell mit dem BVB ist wichtiger. „Auf Harry prasselt gerade sehr viel ein“, sagte Sportvorstand Max Eberl. „Er ist unfassbar stolz und ich glaube, er brennt. Er hätte heute gebrannt, um zu zeigen, dass die Wahl berechtigt war. Nun wird er am Samstag umso mehr brennen, um zu zeigen, dass er berechtigt Weltfußballer geworden ist.“ Keine guten Nachrichten für die Dortmunder.
Ich habe ungefähr 200 Nachrichten bekommen. Ich wusste gar nicht, dass ich 200 Leute kenne.
Harry Kane; über die Stunden nach der Ballon-d'Or-Verleihung
Denn der Neuner kommt auf Wolke sieben daher. Den Montagabend in seiner Geburtsstadt London bezeichnete er als „big high“ („großes Hoch”) und fing mit leuchtenden Augen an, davon zu erzählen. Wohl zum x-ten Mal. „Eine verrückte Woche, was für eine unglaubliche Nacht am Montag. Ich versuche immer noch, das alles richtig zu verarbeiten“, so Kane, „da waren jede Menge Nervosität und ganz andere Emotionen im Spiel – verglichen mit einem Fußballspiel. Die Unterstützung, die ich von Freunden, der Familie und den Fans erhalten habe – ob per Nachricht oder über soziale Medien –, war beinahe überwältigend. Ich habe ungefähr 200 Nachrichten bekommen. Ich wusste gar nicht, dass ich 200 Leute kenne.“ Ein Lacher – britischer Humor.
Und die Partynacht im Club? „Ich habe mit den Menschen gefeiert, die mir am nächsten stehen.“ Zu exzessiv? „Nein“, widersprach Kane beinahe entrüstet, „ich hätte spielen können. Aber ich habe in den letzten sechs Wochen eine ganze Menge Spiele bestritten – so hat es jetzt einfach gut gepasst. Die Jungs, die in der Startelf standen, haben ihre Sache wirklich gut gemacht. Alles in allem war es wichtig, eine Pause zu bekommen.“
Ein bisschen bewegt hat sich Kane ja doch. Im Abschlusstraining am Dienstagnachmittag hatte er die Feierlichkeiten aus den Gliedern schütteln und mit den „Boys“, wie er seine Mitspieler nennt, herzhaft lachen können. Denn aus der Beatbox, die die Profis beim Aufwärmen mit auf den Übungsplatz an der Säbener Straße bringen dürfen, dröhnte ein Song mit den Worten „Ballon d’Or – Harry Ballon d’Or“.
Vor dem Warmmachen im Stadion hatten die Teamkollegen am Kabinenausgang ein Spalier gebildet, auf ihren Weltfußballer gewartet. Als King Kane durchlief, wurde er, Bayerns erster Weltfußballer seit Karl-Heinz Rummenigge 1981, von den Fans gefeiert und forderte – typisch der bescheidene Harry – seine Jungs dann rasch dazu auf, nun endlich mit dem Warm-up zu beginnen. „Ich werde bei so etwas leicht verlegen“, sagte er.
Die Normalität des Abends gefiel ihm. Die Abläufe, die Mitspieler, das Spiel. „Es waren turbulente 48 Stunden“, rekapitulierte er noch einmal, „und es ist schön, einfach hier zu sein, wieder beim Fußball.“ Und ganz kurz einmal nicht im Mittelpunkt gestanden zu haben.