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Vielleicht sollte man das Weserstadion zu seinem 100. Geburtstag umbenennen. Angesichts der jüngsten Spielverläufe drängt sich der Name "Freizeitpark" geradezu auf. Derzeit pumpt Werder Bremen mehr Adrenalin in das Blut seiner Anhänger als jede Achterbahn.
Im dritten Spiel in Folge liegt Werder Bremen mit 0:2 zurück, nur um den Rückstand nach der Pause wieder einmal aufzuholen. Gegen den SC Paderborn gab es jedoch kein Happy End der Marke Hollywood. Die Bremer zeigten beim 2:2 zwar eine offensiv starke Leistung. Allerdings bleiben vor allem die Patzer in der Defensive sowie die schwache Chancenverwertung in Erinnerung.
Angesichts der zuletzt starken Ergebnisse fiel Daniel Thioune die Personalwahl leicht. Bereits im fünften Bundesliga-Spiel in Folge schickte Werders Coach dieselbe Startelf auf das Feld. Anders als zuletzt ließ sich Marco Grüll in der Defensive nicht auf die Höhe der Abwehrkette zurückfallen. So verteidigte Werder in einem 4-4-2-System. Gegen den BVB hatte die Defensivformation noch einem 5-4-1 geähnelt.
Mit dieser offensiveren Formation reagierte Thioune auf den Gegner. Gegen den SC Paderborn gingen die Bremer als Favorit in die Partie. Der Aufsteiger stellte sich entsprechend etwas defensiver auf: Das Team von Trainer Ralf Kettemann operierte aus einer 5-3-2-Formation. Dabei zog es sich aber keineswegs in die eigene Hälfte zurück: Die beiden Angreifer liefen vorne aggressiv an, auch die vorderen Mittelfeldspieler rückten weit vor.
Auch Werder startete mit einem aggressiven Pressing in das Spiel. Von der ersten Minute an lieferten sich beide Mannschaften einen wilden Schlagabtausch. Beide Teams versuchten, früh den Ball zu erobern. Als Reaktion spielte die ballführende Mannschaft die Kugel schnell nach vorne.
Marco Grüll vergab nach Meinung unseres Kolumnisten gute Chancen.
Foto: gumzmedia/Andreas GumzWerder suchte dazu vor allem den Weg über die Flügel. Die Grün-Weißen wollten die gegnerischen Außenverteidiger aus der Formation locken. Anschließend startete ein freier Akteur in den Raum dahinter. Die Bremer fokussierten sich dabei vor allem auf Angriffe über die linke Seite. Doch auch Arthur startete auf rechts immer wieder hinter die gegnerische Abwehr. So konnte Werder das gegnerische Pressing gut umspielen.
Doch auch die Paderborner fanden häufig den Weg in die gegnerische Hälfte. Sie suchten ebenfalls den Weg über die Seiten und nutzten dazu häufig lange Bälle. Die beiden Stürmer wichen weit auf den rechten Flügel aus, um hier das Kopfballduell zu suchen.
Eigentlich fuhr Werder mit der eigenen Strategie nicht schlecht. Die Bremer erspielten sich in der ersten Halbzeit über die Flügel konsequent Chancen. Ihr Pressing griff in vielen Situationen, sodass sie zu Kontern kamen. Dennoch lagen sie zur Pause 0:2 zurück – und das nicht einmal unverdient.
Das lag vor allem an drei Faktoren, wobei jeder Mannschaftsteil ein Manko aufwies. Hinten schwächelte Werder bei langen Bällen. Bis zur 35. Minute hatten die Paderborner deutlich mehr Kopfballduelle gewonnen (8:3). Werders Verteidiger konnten sich in sechs direkten Duellen mit den gegnerischen Stürmern nur einmal durchsetzen. So konnte Werder vor dem 0:2 durch Steffen Tigges einen weiten Einwurf nicht klären (30.).
Der eingewechselte Mitchell Weiser agierte deutlich höher als Chuki.
Foto: gumzmedia/Andreas GumzDas Mittelfeld wiederum spielte einige unnötige Fehlpässe. So lud Werder den Gegner zu Kontern ein – siehe Marco Grülls Fehler vor dem 0:1 durch Stefano Marino (18.). Auch die Stürmer trugen ihren Teil zum Rückstand bei: Grüll, Eren Dinkci und Chuki vergaben ebenso beste Chancen wie Niclas Füllkrug.
Nach der Pause veränderte sich die Dynamik der Partie. Thioune hatte seine Mannschaft in einigen Details angepasst. Im Spielaufbau half Youri Regeer vermehrt aus. Er ließ sich zwischen die Innenverteidiger fallen. So konnte Werder eine Drei-gegen-zwei-Überzahl gegen die beiden Stürmer von Paderborn herstellen.
Aus der ersten Linie spielte Werder den Ball nun direkt in die Tiefe. Das war eine Lehre aus der ersten Halbzeit, als viele Bälle im Mittelfeld verlorengegangen waren. Insgesamt traten die Bremer merklich offensiver auf: Der eingewechselte Mitchell Weiser agierte deutlich höher als Chuki zuvor. Auch die Außenverteidiger schoben weit vor. Teilweise boten sich sechs Akteure in letzter Linie an. So hatten Regeer und die Innenverteidiger stets eine Anspielstation, um das Spiel direkt in die vorderste Linie zu verlagern.
Zugleich verbesserte sich das Bremer Team in körperlicher Hinsicht: Zwischen der 46. und der 75. Minute gewann Werder die klare Mehrzahl der Kopfballduelle (5:2). Das war wichtig, um etwaige Paderborner Konter im Keim zu ersticken. Werder drückte den Gegner immer weiter nach hinten – und erspielte sich sogar noch mehr Chancen als vor der Pause.
Nach dem 2:2 binnen weniger Minuten durch einen Doppelpack von Niclas Füllkrug schien Paderborn zunächst zurück ins Spiel zu finden. Nach ihren Wechseln verteidigten die Gäste in einem kompakteren Block, die eingewechselten Stürmer erhöhten wieder den Druck im Pressing. Doch in den finalen zehn Minuten ging den Gästen die Puste aus. Kein Wunder: Sie waren fast 128 Kilometer gelaufen und überboten damit sogar die äußerst starke Laufleistung der Bremer (123,4 Kilometer).
Nur ein Manko der ersten Halbzeit konnte Thiounes Team auch in der Schlussphase nicht beheben: die Chancenverwertung. Zwar traf Füllkrug doppelt, doch der Stürmer ließ in der Schlussphase erneut eine riesige Chance ungenutzt. Auch Weiser vergab drei Möglichkeiten, eine davon per Kopf. Somit schoss Werder weniger Tore, als angesichts eines xGoals-Werts von knapp drei zu erwarten gewesen wäre.
Somit endet die Achterbahnfahrt des SV Werder Bremen mit einem leicht flauen Gefühl im Magen. Die Bremer können sich zwar erneut ihrer Widerstandsfähigkeit rühmen. Doch während sich die Aufholjagden zuletzt nach Punktgewinnen anfühlten, kann man den Eindruck nicht abschütteln, dass Werder dieses Mal zwei Punkte hat liegen lassen.