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Kurios, aber wahr: In der Ligue 1-Partie zwischen AJ Auxerre und Le Mans FC kam es unlängst zu dieser Szene: In der 48. Minute tritt Le Mans-Spieler Lucas Bretelle einen Freistoß in den Strafraum. Mitspieler Lucas Buades steigt zum Kopfball hoch, Auxerre-Keeper Paul Nardi pariert mit der linken Hand. Er begräbt den Ball unter seinem Körper – auf der Linie, so sieht es für die meisten Zuschauer im Stadion aus. Es gibt keinen Torjubel, das Spielt läuft weiter. Dann erhält Referee Willy Delajod ein Signal der Tonlinientechnik auf seiner Uhr: Tor! Man traut seinen Augen nicht.
Das Spiel wird unterbrochen, es herrscht Verwirrung. Der Unparteiische schaut sich die Szene nochmals auf dem Bildschirm an, auch der Videoassistent (VAR) prüft. Vier quälende Minuten vergehen im Stade de l‘Abbé-Deschamps. Das Videostudium bringt keine Klarheit. Aus keinem der insgesamt vierzehn Kamerawinkel ist ersichtlich, ob der Ball mit vollem Umfang die Torlinie überquert hat. Also vertrauen die Schiedsrichter ihren Gadgets – und geben das Phantomtor. Im Zweifel für die Technik.
Auxerre-Coach Will Still gilt als Taktik-Nerd und versuchte den Beweis zu führen, dass nicht der Ball, sondern der Handschuh des Torhüters über der Linie war. Vergeblich. Dieser Treffer blieb Gesprächsthema. Damit ist es, charmant formuliert, doch wie früher. Am Stammtisch wird nach dem Spiel über Tore und Referees diskutiert, dabei sollte die Technik doch Klarheit schaffen. Das hat sogar einen stolzen Preis: Frankreichs Ligaverband LFP bezahlt 1,4 Millionen Euro pro Saison für die „Goal Line Technology“.
Und dann passiert der „French-Gate“, der Fall beschäftigt sogar die Direction Technique de l’Arbitrage (DTA), ein Gremium des französischen Verbandes. Offenkundige Fehlentscheidungen wie das Wembley-Tor im WM-Finale 1966 in England oder die niemals geschossenen Tore von Thomas Helmer 1994 oder Stefan Kießling 2013 in der deutschen Bundesliga sollten sich nicht wiederholen. Sie tun es weiterhin.
„Hawk-Eye“, ein Computersystem zur Ballverfolgung und an sich für Militärziele entwickelt, wurde zunächst im Tennis und Cricket getestet. 2012 vertraute man erstmals bei der Klub-WM darauf. Dabei hatten sich Funktionäre lange gegenüber der Technik versperrt, der Fußball müsse „sein menschliches Gesicht“ bewahren, meinte einst etwa Fifa-Chef Sepp Blatter.
Nachdem im WM-Achtelfinale 2010 in Südafrika zwischen Deutschland und England ein reguläres Tor (Freistoß Frank Lampard) nicht gegeben wurde und der Boulevard von der „Rache für Wembley“ schrieb, bröckelte die Front der Technikkritiker. Aber erst nach der Premier League-Saison 2013 wurde die Torlinientechnologie in anderen europäischen Profiligen eingeführt.
Das Hawk-Eye-System
wird seit 2012, unter anderem in der Premier League, als Torlinientechnik eingesetzt.
VAR
Der Video-Assistant-
Referee ist seit Juli 2021 in der Bundesliga und im ÖFB-Cup aktiv.
Connected Ball Technology
Sensoren im Fußball kommen bei Fifa-Turnieren seit der 2022 in Katar zum Einsatz.
In der Gegenwart strotzen Stadien mit Überwachungstechnik: 14 Hochgeschwindigkeitskameras, sieben für jedes Tor, die unter dem Dach und an Tribünen installiert sind, erfassen millimetergenau die Position des Balls. Hinzu kommen zwölf Kameras, die im Rahmen der halbautomatischen Abseitserkennung die Körperpunkte der Spieler messen. In Österreichs Liga sind aktuell zehn und bis Jahresende bis zu 16 Kameras pro Spiel im Einsatz.
Und die Technisierung schreitet weiter voran. So war bei der Fußball-WM ein Adidas-Ball im Spiel, dessen integrierter Bewegungssensor 500 Mal pro Sekunde Beschleunigungs-, Rotations- und Kontaktdaten an ein Antennensystem sendet. Die „Connected Ball Technology“ soll den exakten Moment des Ballkontakts und damit verlässlich Abseits und Handspiele erkennen. Diego Maradona und die „Hand Gottes“ hätten also heute keine Chance mehr? Für Fußballromantiker ist das weiterhin eine harte „Laborfrage“. Doch mit der Torlinientechnik, die diskret im Hintergrund läuft und den Spielfluss nicht stört, haben sich inzwischen auch Traditionalisten abgefunden. Tor oder Nicht-Tor, das ist weiterhin die Frage.
Das zeigte sich im Juni 2020, mitten in der Corona-Pandemie, in der Partie Aston Villa gegen Sheffield United: Als Villa-Keeper Ørjan Nyland einen Freistoß falsch einschätzte, war jedem klar: Tor. Alle United-Spieler jubelten. Doch der Referee erhielt weder auf der Uhr noch auf dem Headset ein Signal. Also war es kein Tor, aber ein Skandal. „Offenbar muss der Ball aufgrund des Social Distancing zwei Meter hinter der Linie bleiben“, ätzten Kritiker. Das Problem: Zu viele Spieler rundum versperrten den Kameras die Sicht.
Erst kürzlich kochten im Baskenderby zwischen Athletic Bilbao und Real Sociedad die Emotionen hoch, weil Schiedsrichter Alejandro Hernández Hernández einen Elfmeter gab, der vom VAR nach Auswertung der Bilder bestätigt wurde. Dabei hatte Sociedad-Profi Jon Aramburu klar den Ball gespielt. Schuld war eine Desynchronisation zwischen Sensoren und Kamerabildern. Das Schiedsrichterkomitee leitete eine Untersuchung gegen den Hersteller ein.
Andererseits wären sie in Spanien froh über die Torlinientechnologie gewesen, als 2024 im Clásico ein Tor von Barça-Star Lamine Yamal aberkannt wurde – der VAR konnte nicht zweifelsfrei nachweisen, ob der Ball hinter der Linie war. Ligaboss Javier Tebas blockiert die Einführung der Technik, das System koste jährlich rund drei Millionen Euro. Und: Geistertore seien doch eine Rarität.
In Schweden, wo Vereine dank der 50+1-Regel mehrheitlich in Fanbesitz sind, haben Mitglieder gegen den VAR votiert – die „Allsvenskan“ ist so etwas wie das analoge Refugium Europas. Auch die norwegische „Eliteserien“ will nach Fanprotesten den VAR abschaffen. Ausgerechnet in Skandinavien, wo man überall bargeldlos bezahlt und fast alles digital ist, sind Fußballfans extrem technikfeindlich. Oder weiß man im „Hohen Noden“, dass das menschliche Adlerauge zuweilen doch mehr sieht.