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"Weine nicht, dass es vorüber. Lächle, dass es gewesen", schrieb der deutsche Dichter Ludwig Jacobowski 1899. Der Mann hat offenbar nie ein MotoGP-Rennen auf Phillip Island gesehen. Hätte er das getan und würde er die Saison 2026 noch miterleben, würde er anders denken. Denn wenn das Paddock an diesem Wochenende zum letzten Mal die schmale Brücke hinüber von dieser kleinen Insel auf das australische Festland überquert, wird sich wohl kaum jemand an den schönen Erinnerungen festhalten können.
Was an diesen Tagen in der MotoGP-Familie überwiegt, ist ein Gefühl des Verlustes. Denn mit dem letzten Rennen auf Phillip Island verlieren wir nicht nur eine legendäre Rennstrecke. Wir tragen mit ihr auch einen Aspekt unseres Sports zu Grabe, der für so viele von uns der Zündfunke für eine seit vielen Jahren brennende Leidenschaft war und ist.
Dieses 4.445 Meter lange Asphaltband steht für so viel, was wir an unserem Sport lieben. Es steht für eine unvergleichliche Mischung aus Geschwindigkeit, Brutalität und Ästhetik. Hier werden aus Fahrern Helden, aus Rennen Legenden und aus Rennsportinteressierten echte Freaks. Wer einmal das Feld die Start-Ziel-Gerade hinunterdonnern sieht, mit diesem einzigartigen Blick auf die brechenden Wellenden der Bass-Straight, wird das MotoGP-Virus ein Leben lang in seinem Körper tragen.
Phillip Island hat uns so viele historische Schlachten geliefert. Egal ob der Premierensieg durch Lokalmatador Wayne Gardner in der Saison 1989, das bis heute engste Königsklassenpodium 1999, die dramatische Disqualifikation von Marc Marquez 2013, der geschichtsträchtige Vierkampf zwischen Marc Marquez, Valentino Rossi, Jorge Lorenzo und Andrea Iannone 2015 oder ein nach gewagter Reifenwahl implodierender Jorge Martin 2023 - der Australien-Grand-Prix war Jahr für Jahr ein Garant für Rennsport vom Allerfeinsten.
Und genau deshalb fällt Jacobowskis Forderung, die schönen Erinnerungen in den Vordergrund zu stellen, so schwer - ja fast unmöglich. Denn Phillip Island hätte uns noch so viel mehr geben können. Zahlreiche großartige Rennstrecken sind früher oder später einfach aus der Zeit gefallen - der Salzburgring, Spa-Francorchamps, Suzuka. Sie alle wurden den gestiegenen Sicherheitsansprüchen der Königsklasse irgendwann nicht mehr gerecht.
Doch mangelnde Sicherheit ist nicht der Grund für den Abschied von Phillip Island. Dahinter stecken strategische Überlegungen, Zyniker würden es pure Gier nennen. Ein Stadtrennen in Adelaide soll zukünftig die Heimat des Australien-Grand-Prix sein und für die MotoGP jenen Trend in Gang setzen, den die gemeinsamen Machthaber von Liberty Media in der Formel 1 bereits seit Jahren verfolgen: Rennen in unmittelbarer Nähe zu großen Ballungszentren bringen mehr Fans und vor allem zahlungskräftige Premium-Gäste an die Strecken, so die einfache Rechnung. Denn die Motorsportschickeria steigt nun mal lieber in 5-Sterne-Hotels in der Innenstadt von Adelaide als in einer Surfer-Bude auf Phillip Island ab.
Gut möglich, dass der Plan der Liberty-Bosse aufgeht. Ob eine 0815-Rennstrecke in einer innenstädtischen Parkanlage, egal wie beeindruckend die umliegenden Hochhausfassaden auch sein möchten, jene Emotionen freisetzen wird, die eine Windschattenschlacht auf Phillip Island auslöst, darf bezweifelt wird. Die MotoGP wird mit dem Umzug nach Adelaide polierter, massentauglicher und bekömmlicher. Die wilde, raue und für viele Puristen schönste Seite des Sports, wird beiseite gewischt. Man muss nicht in der Vergangenheit festhängen und der "Früher war alles besser"-Fraktion angehören, um diese Entwicklung mit einem gewissen Maß an Trauer zu verfolgen.