Zurück
(Motorsport-Total.com) - Mercedes hat beim Grand Prix von Mexiko mit dem WM-Triumph von Kimi Antonelli den Lohn für den Mut geerntet, den damals noch 18-Jährigen zur Saison 2025 ins Cockpit gesetzt zu haben. Ein Mut, den nicht alle im Mercedes-Kosmos von Anfang an geteilt haben, wie Teamchef Toto Wolff jetzt verrät.
Toto Wolff hat nie daran gezweifelt, dass sein Poker mit Kimi Antonelli aufgehen würde Zoom
"Wir hatten zwei Sponsoren, die uns deswegen verlassen haben. Die haben mich gefragt: 'Kimi Antonelli, wer soll das Kind bitte sein?'", verrät Wolff in einem Interview mit dem britischen Pay-TV-Sender Sky. "Und es gab andere, die sind bis heute bei uns geblieben, und die ernten jetzt die Früchte."
Bereits vor Saisonbeginn 2024 hatte Superstar Lewis Hamilton bekannt gegeben, Mercedes in Richtung Ferrari zu verlassen. Monatelang wurde in den Medien darüber spekuliert, wer Nachfolger des siebenmaligen Weltmeisters werden könnte. Vor allem Max Verstappen wurde im Sommer als heißer Kandidat gehandelt. Auch, weil Antonelli 2024 in der Formel 2 die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnte und erst im 15. von 28 Rennen seinen ersten von zwei Saisonsiegen feierte.
Dabei hätten sich die Medien ihre Spekulationen auch sparen können, so Wolff, denn in Wahrheit war alles ganz einfach: "Als Lewis an jenem Morgen an meiner Tür stand, war mir schon alles klar. In dem Moment, in dem er bestätigt hat, dass er zu Ferrari gehen wird, wusste ich, dass Kimi im Auto sitzen wird."
Wolff erinnert sich daran, zeitnah seinen Pressechef und heutigen Stellvertreter Bradley Lord und Technikdirektor James Allison angerufen zu haben. "Ich habe ihnen gesagt: 'Kimi sitzt im Auto.' Die meinten nur: 'Wovon redest du?' Aber wir hatten die Daten. Wir brauchten keine Bestätigung mehr. Kimi hatte es schon durch seine Erfolge in der Formel 4 und in der Formel Regional bestätigt. Der Rest war glasklar."
Wer die zwei Sponsoren waren, die ohne Superstar Hamilton kein Mercedes-Partner mehr sein wollten, verrät Wolff nicht. Bekannt ist aber, dass die Modemarke Tommy Hilfiger und Sportartikelhersteller Puma das Team Ende 2024 verlassen haben. Stattdessen kam mit Adidas eine neue Marke von Weltrang an Bord. Und mit Gillette bahnte sich schon ein Deal an, aus dem dann doch nichts wurde. Die für ihre Rasierer bekannte Marke ging stattdessen zu Audi.
Doch während rundherum viele zweifelten, ob es wirklich eine gute Idee sein würde, Antonelli direkt aus der Formel 2 in den Werks-Mercedes zu hieven, schien das für Wolff "zu keinem Zeitpunkt ein Risiko zu sein. Manchmal werde ich gefragt, warum ich Risiken eingehe. Aber ich gehe nur kalkulierte Risiken ein - solche, bei denen der schlechtestmögliche Ausgang ist, dass sich unser Leben in dem Team, für das ich verantwortlich bin, trotzdem nicht fundamental ändern würde."
"Das Team stand immer hinter dieser Entscheidung. [Mercedes-CEO] Ola [Källenius] stand immer hinter dieser Entscheidung. Es gab keinerlei Zweifel. Die Zweifel kamen nur von außen. Von Leuten, die damals Partner des Teams waren und es heute nicht mehr sind. Von anderen Teams, von anderen Fahrern, die der Meinung waren, dass sie selbst eine Chance verdient hätten. Und von den Medien."
"Es fing damit an, dass die Leute sagten: 'Das kann doch nicht euer Ernst sein, einen 18-Jährigen in das Auto zu setzen, das vorher Lewis Hamilton gefahren ist. Er hatte eine enttäuschende Formel-2-Saison. Er sollte noch ein weiteres Jahr in der Formel 2 fahren und erst einmal beweisen, dass er tatsächlich gut genug ist.'"
"Dann, als wir ihn ins Auto gesetzt hatten, sagten die Leute: 'Er sollte nicht in einem Mercedes sitzen. Das ist viel zu viel Druck für ihn. Warum habt ihr nicht versucht, eine Vereinbarung mit Williams zu treffen und ihm, wie George, ein, zwei oder drei Jahre Zeit gegeben, sich zu entwickeln?' Und diese Stimmen wurden natürlich noch lauter, nachdem er neun Rennen in Folge ohne Punkte geblieben war."
Als Antonelli auf der Fahrerstrecke in Spa im Sommer 2025 eines der bittersten Rennwochenenden seiner Premierensaison erlebte, bei dem laut Wolff auch "Tränen" flossen, "bekamen plötzlich diejenigen, die sagten 'Ich habe es euch ja gesagt', immer mehr Aufwind. Aber für uns, für mich persönlich, gab es nie auch nur den geringsten Zweifel."
"2025 war genau die Saison, die ich erwartet hatte. Mir war klar, dass es ein Projekt über mindestens zwei Jahre werden würde, bei dem das zweite Jahr bestätigen musste, was wir in ihm gesehen hatten. Und ich denke, heute sitzen wir hier und haben diese Bestätigung bekommen. Es ist unglaublich. Wir müssen uns wirklich kneifen, denn es kommt uns vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass er als Elfjähriger in einer Garage im Nachwuchs-Kartsport stand."
"Und dann geht alles so schnell. Er gewinnt die Nachwuchs-Formelserien, erlebt anschließend ein schwieriges Jahr in der Formel 2. Und schon damals begannen die Leute von außen, an ihm zu zweifeln", sagt Wolff. "Ich bin einfach unglaublich stolz auf das Team, darauf, dass alle weiterhin an ihn geglaubt haben. Und er hat geliefert."
Antonelli krönte sich am Sonntag beim Grand Prix von Mexiko als Dritter hinter Max Verstappen und Lewis Hamilton zum jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte. Mit gerade mal 20 Jahren.