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Karl, Reus und Co. : Wie der Torjubel im Fußball zur Bühne wurde

Lennart Karl antwortet auf Kritiker, Marco Reus verkleidet sich: Warum der Jubel im Fußball mehr ist als ein Gefühlsausbruch.

Pierre-Emerick Aubameyang (l.) und Marco Reus jubeln im Revierderby 2015 als Batman und Robin.

Der FC Bayern München hat die schwere Aufgabe in der Champions League bei Atletico Madrid gemeistert und am Dienstag mit 2:0 gewonnen. Am Tag danach ist das aber kaum Thema. Die Schlagzeilen bestimmt stattdessen Bayern-Spieler Lennart Karl und seine "Bla-Bla"-Geste beim Torjubel. Womöglich war das eine Reaktion auf die anhaltenden Diskussionen um seine Person: "Redet ihr ruhig, ich höre nicht zu".

Auch Marco Reus, damals noch Spieler bei Borussia Dortmund, zeigte 2014 im Champions-League-Spiel gegen Galatasaray Istanbul eine ähnliche Geste, nämlich die der drei Affen: Ich sehe nichts, ich höre nichts, ich sage nichts. Das war jedoch keine Kritik, sondern einfach eine eingelöste Wette, wie er später auflöste.

NRW-Sport 04.11.2026 53 Sek. Verfügbar bis 03.11.2028 WDR Online

Reus als Robin, Modeste trägt Brille

Reus war ein Freund der ausgefallenen Jubelgesten: Im Februar 2015 setzten sich er und Torschütze Pierre-Emerick Aubameyang nach einem Treffer im Revierderby Masken auf - der Batman-und-Robin-Jubel. Aubameyang hatte mit seinem Salto sowieso seinen eigenen Signature-Jubel. So wie heute Nico Schlotterbeck, der nach einem Tor stolz seinen Bizeps präsentiert.

Beim 1. FC Köln jubelte Anthony Modeste mit der Brille.

Bildquelle: Jürgen Fromme/ firo Sportphoto

Beim 1. FC Köln waren es der Brillenjubel von Anthony Modeste und der DJ-Jubel von Fabrice Ehret. Bei Borussia Mönchengladbach zog Marcus Thuram nach Siegen sein Trikot über die Eckfahne und schwenkte sie wie eine erbeutete Trophäe.

Torjubel bietet Spielern eine Bühne

All das zeigt: Der Torjubel ist heutzutage mehr als nur ein spontaner Emotionsausbruch. Mittlerweile bietet er Spielerinnen und Spielern eine Bühne, zum Beispiel für Kritik, aber vor allem auch für Selbstdarstellung.

Früher war der Torjubel meist ein kurzer, ehrlicher Moment. Eine Faust in die Luft, vielleicht ein Sprung, eine Umarmung mit den Mitspielern, weiter geht's. Ab den 1990er-Jahren wurde der Torjubel dann bunter. Kameruns Nationalspieler Roger Milla tanzte bei der WM 1990 in Italien an der Eckfahne, Brasiliens Bebeto wiegte 1994 in den USA ein imaginäres Baby in den Armen. Miroslav Klose wurde bekannt für seinen Salto.

Fernsehen als Grund für die Entwicklung

Ein Grund dafür ist das Fernsehen: Immer mehr Übertragungen, immer mehr Kameras und immer mehr Zeitlupen haben den Torjubel zu einer Bühne gemacht. "Je mehr Fußball zum Geschäft und zur Show wurde, desto extravaganter wurde er auch", sagte der Sportwissenschaftler Andreas Tschorn der "Rheinischen Post".

Natürlich gibt es auch heute noch spontane Gefühlsausbrüche nach einem Tor. So wie bei Hoffenheims Alexander Prass, der sich im Spiel gegen Bayer 04 Leverkusen nach seinem Tor sein Trikot vom Leib riss - und dann mit Gelb-Rot vom Platz gestellt wurde.

Ronaldos "Siuuu"-Jubel als bekanntestes Beispiel

Bei vielen Topstars ist der Torjubel mittlerweile aber eine einstudierte Choreografie. Der "Siuuu"-Jubel von Cristiano Ronaldo ist hier wohl das bekannteste Beispiel. Oder Kylian Mbappe, der nach einem Tor die vor dem Körper verschrenkt. Harry Kanes typischer Jubelsprung, Viktor Gyökeres' Batman-Geste, Serge Gnabrys Umrühren oder Christopher Nkunku und sein Luftballon sind weitere berühmte Beispiele. Die Liste ließe sich noch fortführen.

Unverkennbar: Cristiano Ronaldo und sein "Siuuu"-Jubel.

Dabei geht es um den Wiedererkennungswert. Ein bekannter Jubel lässt sich verkaufen, etwa in Werbung oder Videospielen. Deshalb lassen sich die Stars ihre Gesten sogar rechtlich schützen. Kylian Mbappe hielt laut der spanischen Zeitung "Marca" vor der WM 2026 mehr Markenrechte als jeder andere Fußballer. Cole Palmer vom FC Chelsea hat eine "Cold"-Geste in Großbritannien als Marke eintragen lassen.

Neuer mit Rückendeckung für Karl

Die sozialen Medien haben diese Entwicklung noch einmal beschleunigt. Kurze Clips von bekannten Gesten lassen sich im Netz gut teilen. Die Gestenforscherin Cornelia Müller von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) beschreibt den Torjubel deshalb als etwas zwischen "hochprofessioneller Markenbildung und privatem Gefühlsausbruch".

Genau in diesem Spannungsfeld steht nun Lennart Karl: Ausgerechnet der Spieler, dem weniger Social Media empfohlen wurde, liefert mit seinem Jubel den Clip des Abends. Rückendeckung bekam Karl von Kapitän Manuel Neuer: "Er muss ja auch frech sein vor dem Tor, gerade in solchen Situationen".

Ob Karls Geste eine trotzige Antwort war oder der Anfang eines neuen Markenzeichens, wird sich zeigen. Klar ist: Über seinen Jubel wird gerade mehr geredet als über sein Tor. Und vielleicht war genau das die Absicht.

Unsere Quellen:

  • Spiel Atletico Madrid gegen FC Bayern München
  • Sportschau
  • Rheinische Post

Sendung: WDR.de, "Wie Lennart Karl - Welche Jubel in NRW für Furore gesorgt haben", 04.11.2026, 19:54 Uhr

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