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Formel 1: Warum hinter Kimi Antonelli ein Existenzkampf wütet
Formel 1 :
Warum hinter Kimi Antonelli ein Existenzkampf wütet

Hinter den ersten WM-Kandidaten entwickelt sich ein Rennen endgültig überholt wirkender Piloten um ihre Zukunft. Nur Verstappen und Hamilton müssen nichts mehr beweisen.

Seiner Zeit voraus: Für Max Verstappen hat die Formel-1-Saison 2027 schon vor dem Grand Prix in Mexiko am Sonntag begonnen.

Einmal kurz die Augen zumachen und sie trotzdem nicht ganz vor der Realität verschließen. Aber was wäre, wenn Kimi Antonelli außer Konkurrenz in dieser Formel-1-Saison fahren würde? Sicher könnte dann nicht schon am Sonntag beim Großen Preis von Mexiko (21 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky) der Champion gekrönt werden. Denn das Verfolgerfeld hinter dem Italiener, dem in der Realität schon ein neunter Platz zum Titelgewinn reicht, ist eines der stärksten und engsten in der Geschichte der Königsklasse.

George Russell (242 Punkte), Lewis Hamilton (241), Max Verstappen (236), Charles Leclerc (233) und – mit Abstrichen – auch der bald entthronte Titelverteidiger Lando Norris (211) fahren in einer Art Stellvertreter-Weltmeisterschaft.

Ein Fünfkampf, in dem sich jeder beweisen muss und in dem es um viel Prestige geht. Im besten Fall können sie das Jahr noch als kleine Gewinner beenden. In einem Sport, in dem der Zweite schon als erster Verlierer gilt, wird der Rest der Saison zum Frustabbau oder als Rennen gegen die Selbstzweifel dienen.

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Dazu kommt der Job als Teamplayer: Die Rennställe bitten nicht nur um freundliche Unterstützung, weil die Punkte der Steuermänner auch im Kampf um den Konstrukteurstitel zählen. Sie können bei der Abrechnung des Kassenwarts zu großen Unterschieden führen. Für zum Beispiel Rang zwei statt drei gibt es einige Millionen Euro mehr, zweistellig. Hinter Mercedes geht es bei den laut Plan noch fünf Rennen auch zwischen Ferrari (474 Punkte), McLaren und Red Bull (je 355) um mehr als um das Prestige.

Der Alleingang von Kimi Antonelli im Mercedes lässt sich durch seine zuverlässige Schnelligkeit erklären. Möglich gemacht durch eine echte Championtugend – der rasanten Anpassungsfähigkeit an seinen neuen Dienstwagen. Die geschlagenen Kandidaten bemühen mehr oder weniger offen die Gegenklage. Ihre gegenüber den eigenen Erwartungen teils schwachen Leistungen ließen sich, so die Klage sinngemäß, mit dem radikalen Reglementumbruch erklären. Vor allem die kompliziert einzusetzenden Elektrokomponenten sind den Etablierten an die Substanz gegangen.

Eine Ausrede, die der ehemalige Formel-1-Pilot David Coulthard nicht stehen lassen will: „Weder Ayrton Senna noch Michael Schumacher hatten ein Reglement, das ihnen nicht lag.“ Soll heißen: Gerade mit mehr Erfahrung müsste es leichter sein, sich schneller anzupassen.

Russell kämpft um seinen Nimbus

Für Antonellis Teamkollegen George Russell kann der Verweis auf einen lahmenden Dienstwagen nicht gelten. Er gewann den Saisonauftakt in Australien. Obwohl erst gut sieben Monate her, wirkt das wie eine Szene aus einer lange vergangenen Zeit. Oft war der Brite im falschen Moment an der falschen Stelle. Momentum ist für ihn momentan etwas, was er nur vom Hörensagen kennt.

Der Achtundzwanzigjährige muss zusehen, nicht zu einer verlorenen Generation von Rennfahrern gezählt zu werden. Jenen, die alle Möglichkeiten hatten, sich aber nie durchsetzen konnten. Acht Siege in acht Formel-1-Jahren, das hat sein junger italienischer Gegenspieler in einer Saison übertroffen, und zwar licht. Russell lamentiert: „Im Moment habe ich keine Antworten. Hätte ich sie, wäre ich nicht in dieser Situation. In den restlichen Rennen ist wichtig für mich, wieder an Konstanz zu gewinnen.“

Die reine Siegbilanz sieht für Charles Leclerc noch verheerender aus. Der Ferrari-Pilot brauchte für neun Grand-Prix-Erfolge 189 Rennen. Die Scuderia  glaubt dennoch weiter an den Monegassen, obwohl ihm jene Nervenstärke fehlt, die Antonelli oft wie aus dem Nichts an den Tag legt. Gerade erst wieder vorexerziert beim Sieg in Austin am vergangenen Sonntag. Leclerc,  29 Jahre alt, behauptet, nicht auf Rang zwei fixiert zu sein. Er wolle seine Form von Rennen zu Rennen maximieren. Das ist eine Zielsetzung aus der Verzweiflung heraus und um die Psyche zu stärken: „Ich will das Jahr mit einem Hoch beenden.“

Sein Teamkollege Lewis Hamilton und Red-Bull-Star Max Verstappen müssen nichts mehr beweisen. Erstmals seit 2014 beendet keiner der beiden die Saison mit den meisten Rennsiegen. Während der Rekordchampion aus England in der ersten Saisonhälfte bis hin zum Debütsieg in Rot in Barcelona endlich jene Form zeigte, die er sich schon im vergangenen Jahr erhofft hatte, kam Verstappen erst nach der Sommerpause wie verwandelt zurück. Er gilt – neben Antonelli – als Fahrer der Stunde.

Verstappens Perspektive

Nur nutzt es dem Niederländer diesmal nichts. Der Aufschwung kam zu spät. Er zieht seine Motivation aus der Perspektive, die weiter reicht als die des 41 Jahre alten Hamilton: Verstappen will Red Bull Racing unbedingt wieder zum WM-Titel führen und auch auf einer anderen Ebene seine Extraklasse unterstreichen. Dafür trimmt er Team wie Auto. 2027 gibt es keine große Regeländerung, nur der Verbrenner im Antrieb bekommt wieder eine größere Bedeutung. Heute lernen, morgen siegen.

Auch Lewis Hamilton geht die Dinge pragmatisch an: „WM-Zweiter zu werden, mag vielleicht andere interessieren. Ich nutze die Rennen, um mit dem Aerodynamikchef von Ferrari am Auto zu arbeiten, damit wir nächstes Jahr besser sind.“ Alles auf Angriff.

Lando Norris scheint sich im Kampf mit Verstappen 2025 zu sehr verausgabt zu haben. Für den McLaren-Piloten beginnt die Abschiedstournee von der Startnummer eins. Der sechsundzwanzigjährige Engländer ist dünnhäutig geworden, fällt eher durch erratische Manöver am Lenkrad auf, die seinen Boliden in das Auto des Teamkollegen Oscar Piastri steuerten. Die Souveränität ist verloren.  Norris bräuchte – wie sein Dienstwagen – dringend ein Upgrade, das funktioniert. Jedenfalls fehlt ihm die Balance auch bei der Selbsteinschätzung: „Ich finde, ich bin eine gute Saison gefahren, aber in der Formel 1 wirst du nur an den Ergebnissen gemessen. Das ist okay. Manchmal kannst du einfach nichts machen.“

Der Kampf um den ungebliebten zweiten Platz entwickelt sich zu einer Generalprobe. Jeder der Unvollendeten versucht, einen neuen Machtanspruch zu entwickeln. Die Saison 2027 hat begonnen.

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