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(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser,
Jolyon Palmer wollte gar nicht besonders kreativ sein, als er Liam Lawson während der Live-Nachberichterstattung von F1 TV zum Grand Prix der USA 2026 in Austin nach dessen Zukunft fragte. Es war schlicht eine Frage, die wohl jeder stellen würde - vielleicht sogar Lawson selbst. Eine Frage, die man stellt, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten, sondern eher aus Verwunderung darüber, warum die Antwort nicht längst offensichtlich "Ja" lautet.
Formel-1-Fahrer Liam Lawson: Bislang "Best of the Rest" in der Saison 2026 Zoom
"Ein weiteres Rennen, ein weiterer Sieg - zumindest in dem Rennen, in dem du unterwegs warst, also im Mittelfeld", sagte der ehemalige Renault-Fahrer und heutige Formel-1-Analyst Palmer zu Lawson. Dann fügte Palmer hinzu: "Wann wirst du für nächstes Jahr bestätigt?" (Übersicht: Die Fahrer und Teams für 2027)
Eigentlich dürfte es überhaupt keine Zweifel daran geben, dass Lawson einen Platz in der Formel 1 verdient - und zwar bei seinem aktuellen Team. Jedes Team, das auf dem Weg zum besten Ergebnis seiner Formel-1-Geschichte ist, hätte den Fahrer, der den größten Anteil seiner Punkte eingefahren hat, vermutlich längst vertraglich gebunden. Ein solches Team würde schließlich nicht riskieren wollen, dass dieser Fahrer ungeduldig wird oder sich seiner Zukunft unsicher fühlt.
Würde Lawson für fast jedes andere Team fahren, würde niemand über seine Zukunft sprechen. Und gäbe es eine Verzögerung, dann vermutlich nur deshalb, weil sein Management bessere Konditionen für seinen Klienten aushandeln wollte. Würde Lawson solche Leistungen für einen anderen Rennstall zeigen, würde er wahrscheinlich mehr Geld, weniger Social-Media-Termine und keine weiteren easyJet-Flüge verlangen.
Doch so ist es nicht. Denn Lawson fährt nun einmal für Racing Bulls. Und er ist ein Red-Bull-Fahrer. Und bei Red Bull ist eben nie irgendetwas unkompliziert. (Fotostrecke: Die Vertragslaufzeiten der aktuellen Formel-1-Fahrer)
"Keine Ahnung, Mann", antwortete Lawson lachend. "Ehrlich gesagt bin ich inzwischen an einem Punkt, an dem ich eigentlich gar nicht mehr darüber nachdenke. Ich mache einfach weiter und genieße die Rennen."
Und es gibt keinen Grund zu glauben, Lawson mache sich wegen seiner ungeklärten Zukunft tatsächlich großen Stress. Er befindet sich schon lange genug in dieser Situation, um sich nicht mehr dieselben Fragen zu stellen, die Außenstehende bei den Fahrerentscheidungen von Red Bull ständig beschäftigen.
Im Winter 2024 konnte man sich von außen fragen: Warum um alles in der Welt wird ein Fahrer mit gerade einmal elf Formel-1-Starts befördert? Ein paar Monate später: Wie kann man diesem Fahrer nur zwei Rennwochenenden geben - und ihn dann wieder zurückversetzen? Und heute: Was muss dieser Mann eigentlich noch tun, um sich sein Cockpit für die kommende Saison zu sichern?
Für Lawson ist all das wahrscheinlich längst Normalität. Es gibt keinen Grund, sich darüber den Kopf zu zerbrechen - was passiert, passiert. Also macht er einfach weiter und genießt die Rennen. Und es läuft verdammt gut.
Über sein Rennen in Austin gibt es gar nicht so viel zu erzählen. Ähnlich wie bei Kimi Antonelli. Was soll man zum Sieg des Italieners in Texas groß erklären? Eigentlich nicht viel: perfekt ausgeführt, brillant umgesetzt, kontrolliert. Ein paar weitere Adjektive ließen sich sicherlich finden - aber viel Substanz gäbe es nicht, die man daran hängen könnte. Es gab kaum Drama. Antonelli schien geradezu mühelos zum Sieg zu fahren.
Und Lawson machte im Mittelfeld praktisch dasselbe: Er hatte bereits ein gutes Qualifying absolviert, erneut Q3 erreicht und anschließend der Bitte seines Teams entsprochen, im letzten Abschnitt nicht mehr auf die Strecke zu gehen, um seinem Teamkollegen zu helfen, der eine Startplatzstrafe erhalten hatte. Trotzdem stand Lawson auf Startplatz neun - in der modernen Formel 1 praktisch die Poleposition des Mittelfelds.
Es folgte ein sehr sauberer Start. Auf dem Anstieg zu Kurve 1 hielt Lawson Gasly hinter sich und sortierte sich anschließend direkt hinter den McLaren ein. Er baute einen Vorsprung auf, absolvierte seinen Boxenstopp und brachte danach einen perfekt kontrollierten Stint auf den harten Reifen bis ins Ziel. Kein Drama. Kein Stress. Einfach nur eine makellose Ausführung.
"Für uns war es ein sehr starkes Rennen und ein starkes Wochenende", sagte er nach dem Zieleinlauf zu den Medien. "Wir haben alles gut umgesetzt. Deshalb bin ich sehr, sehr zufrieden. Jetzt kommen einige interessante Strecken. Aber das Auto hat gut funktioniert, also sollte es dort hoffentlich ebenfalls gut funktionieren."
Deutlich mehr Stress hatte Lawson am Donnerstag gehabt, als er gemeinsam mit seinen Freunden in Austin sein erstes richtiges Live-Konzert gespielt hatte. Im Rennen sei es "vielleicht zehn Prozent davon" gewesen, scherzte er im Gespräch mit Palmer und dessen Kollegen.
Platz neun war das bestmögliche Ergebnis, da keiner der Fahrer aus den vier führenden Formel-1-Teams ausgefallen war. Damit gelang Lawson ein weiterer Sieg im Mittelfeld. Auch in der inoffiziellen Mittelfeld-Weltmeisterschaft liegt er in diesem Jahr komfortabel vorne.
Natürlich absolvierte er ein paar Rennen für Red Bull. Doch wer sagt, dass er deutlich weniger Punkte geholt hätte, wenn er stattdessen für Racing Bulls gefahren wäre? Vielleicht ein paar Punkte weniger.
Wie auch immer: Sein "WM-Vorsprung" auf Gasly beträgt inzwischen 35 Punkte - und das ist enorm. Es sieht ganz danach aus, als würde Lawson seinen neunten Platz in der Fahrerwertung bis zum Saisonende verteidigen.
Natürlich gibt es keinen offiziellen Titel für den "Best of the Rest". Aber normalerweise steht diese Bezeichnung für eine ausgesprochen starke Saison.
Damals, als das Team aus Faenza noch Toro Rosso hieß und von einem ruhigen, zurückhaltenden Österreicher namens Franz Tost geführt wurde, lautete das Ziel fast jedes Jahr: Platz fünf in der Konstrukteurs-WM. Tost gab dieses Ziel vor Beginn einer neuen Saison in seinen Medienauftritten beinahe routinemäßig aus - doch unter seiner Führung schaffte es das Team nie ganz dorthin. In diesem Jahr könnte es endlich so weit sein!
Das ehemalige Toro Rosso ist inzwischen das einzige Mittelfeldteam mit mehr als 100 Punkten, und Alpine scheint inzwischen deutlich zurückzuliegen - vor allem wenn man berücksichtigt, wie schnell und konkurrenzfähig die Racing-Bulls-Autos inzwischen geworden sind. Und es ist Lawson, der beim früheren Tost-Team den größten Unterschied ausmacht.
Also: Warum hat er noch immer keinen Vertrag für das kommende Jahr?
Vielleicht ist es tatsächlich nur eine Formalität und Racing Bulls muss zunächst seine Planungen für 2027 rund um Nikola Zolow abschließen, bevor Lawsons Vertragsverlängerung bekanntgegeben werden kann.
Doch bei Red Bull weiß man eben nie. Es gehört zur Identität des Teams, den nächsten Sebastian Vettel oder Max Verstappen zu finden - und manchmal bedeutet das, Nachwuchsfahrer auf Kosten etablierter Piloten zu befördern.
Das ist in der Vergangenheit häufig passiert und wird vermutlich wieder passieren. Doch sollte Lawson nach einem Jahr wie diesem sein Cockpit verlieren, wäre das eine der härtesten Entscheidungen in der Geschichte von Red Bulls Umgang mit seinen Fahrern.
Es gibt auch überhaupt keinen Grund, Zolow überstürzt zu befördern. Ja, er gehört zu den wichtigsten Titelkandidaten in der Formel 2. Aber es ist nicht so, als bräuchte Red Bull gerade verzweifelt den nächsten Superstar aus dem eigenen Nachwuchsprogramm. Verstappens Vertrag ist verlängert und Isack Hadjar macht genau das, was von ihm erwartet wird. Es besteht also kein Grund, zusätzlichen Druck in das System zu bringen.
Schließlich gibt es auch noch Arvid Lindblad, dessen Potenzial sich in seinem zweiten Jahr erst noch bestätigen muss - und für die Frage, ob ein Wechsel tatsächlich eine Verbesserung darstellen würde, gibt es derzeit kaum einen anspruchsvolleren Maßstab als Lawson in seiner aktuellen Form.
Daher gibt es eigentlich nur eine logische Entscheidung. Aber bei Red Bull weiß man eben nie, oder?