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Nummer eins zu werden ist schwer, es zu bleiben noch viel mehr: Was folgt auf den Rausch, die Spitze der Weltrangliste zu erklimmen? Angelique Kerber und Bernhard Langer verraten, wie es für sie war.
Hadern, Jammern, Schläger werfen: Als neue Nummer eins erschien Alexander Zverev in Wien wie eine alte Version seiner selbst. Der Hamburger hatte bei seiner Halbfinalniederlage gegen Alex de Minaur nicht nur mit dem Australier zu kämpfen, sondern auch mit den Tennisbällen und dem Bodenbelag: „Unfassbar langsam“ seien Filzkugeln und Platz, mäkelte Zverev. Bei seinen drei (siegreichen) Matches zuvor in der Wiener Stadthalle hatte sich der Neunundzwanzigjährige mit den Bedingungen noch abgefunden.
Wenn Zverev in den kommenden Tagen als neuer Weltranglistenerster beim Mastersturnier in Paris antritt, kann er vielleicht die schwächste Bilanz seiner starken Saison ein wenig aufhübschen. Markierte die 4:6, 6:1, 6:7-Niederlage am Samstag gegen den Weltranglistenzehnten de Minaur doch die neunte Schlappe in zwölf Begegnungen mit einem Kollegen aus den Top Ten.
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Diese ernüchternde Bilanz liegt vor allem daran, dass Zverev seit zwei Jahren nicht mehr gegen Jannik Sinner oder Carlos Alcaraz gewonnen hat. Bei seinen Grand-Slam-Turniersiegen in Paris und New York bekam er es mit den beiden nicht zu tun.
Zverevs frühere Kollegin Angelique Kerber hat es anders erlebt. Ihr gelang es sowohl beim ersten Grand-Slam-Triumph in Australien 2016 als auch beim dritten 2018 in Wimbledon, die schier übermächtige Serena Williams zu bezwingen. „Gut zu spielen, die Besten der Welt zu schlagen und zu wissen, okay, man ist oben angekommen – das ist ein besonderes Gefühl, das ich nie vergessen werde und das man kaum beschreiben kann“, sagte Kerber im Gespräch mit der F.A.Z.
Die gebürtige Bremerin wurde 2016 nach Steffi Graf (1987) und Boris Becker (1991) zur dritten Deutschen, die es zur Nummer eins der Tenniswelt brachte. Alexander Zverev ist der vierte, wenn die neue Weltrangliste an diesem Montag erscheint. Er ahnt womöglich, was auf ihn zukommt an Verpflichtungen und Erwartungen. Will er es genauer wissen, kann er sich unter jenen Landsleuten umhören, die auch gut mit einem Schläger umgehen können.
Er könnte Timo Boll fragen, wie es ist, zwar an der Spitze zu stehen, aber nicht für den Besten gehalten zu werden. Oder er könnte sich an Angelique Kerber wenden, die ihren Erfahrungsschatz mit ihm teilen könnte: Nummer eins zu werden ist schon schwer, Nummer eins bleiben noch viel mehr. „Der Zeitplan wird viel enger, weil man mehr Verpflichtungen hat bei den Turnierveranstaltern, seinen eigenen Partnern und sich selbst“, sagte Kerber.
Wie zuvor Steffi Graf und Boris Becker verschrieb auch sie sich dem Tennis, um „Grand-Slam-Turniere zu gewinnen und irgendwann die Nummer eins zu werden“. Sobald sie ihre Karriereziele erreichte, hat sie so ausgelassen wie ausgiebig gefeiert. Nach ihrem Australian-Open-Sieg zu Jahresbeginn 2016 ist sie mit ihrem damaligen Trainer Torben Beltz sogar in Melbourne in den Fluss Yarra gesprungen.
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Damals ahnte Kerber noch nicht, dass sie sieben Monate später auch die US Open gewinnen und am Tag nach dem Finale die Führung in der Weltrangliste übernehmen würde. „Danach hat sich mein Leben gefühlt komplett verändert“, verrät Kerber: „Hat man die Nummer eins erreicht, ist man die Gejagte. Egal, was für ein Match man dann verliert – man hätte es nicht verlieren sollen. Das ist eine völlig andere mentale Sicht als Nummer eins.“
Davon können auch die anderen Ausnahmekönner, die der einstige Exportweltmeister Deutschland hervorgebracht hat, ein Lied singen. Bernhard Langer zum Beispiel. Als am 7. April 1986 die erste offizielle Golf-Weltrangliste veröffentlicht wurde, stand der Name des Anhauseners ganz oben. „Ein großartiges Gefühl“ und „die Bestätigung für die Leistungen der Wochen, Monate, Jahre zuvor“, sagte Langer der F.A.Z.: „Egal, was man als Profisportler macht, die Weltrangliste anzuführen ist das Ziel, wofür man jahrelang auf vieles verzichtet und hart trainiert.“
Drei Wochen hielt sich der heute Neunundsechzigjährige an der Spitze. „Ich bekam die Anerkennung und den Respekt, den man dem Besten einer Sportart geben sollte“, sagte Langer: „Sicher spornte das auch die Kollegen an, mir nachzueifern.“ Zurück nach ganz oben schaffte es der Anhausener zwar nicht mehr. Aber: „Mir ist es viele Jahre gelungen, in den Top Ten der Weltrangliste zu bleiben.“
Vorübergehend überflügelt wurde Langer von seinem Landsmann Martin Kaymer, der Ende Februar 2011 für acht Wochen zur Nummer eins wurde. Becker, Graf, Kerber und Boll kehrten nach einstweiligem Abrutschen mindestens noch einmal an die Spitze zurück.
Die höchsten aller Gefühle sind laut Kerber: unmittelbar nach einem Turniersieg zur Nummer eins aufzusteigen. Und: sich am Ende eines Jahres besonders geadelt zu fühlen, indem man oben steht. „Richtig realisiert habe ich es tatsächlich erst, als ich in der neuen Saison überall die Top-Gesetzte war“, sagte die Wimbledon-Siegerin von 2018: „Da gab es dann kein Hopp oder Topp mehr. Sondern es gab nur noch Topp. Leistet man sich einen Flop, ist es nicht so schön.“ Zverev hat davon am Samstag in Wien eine Ahnung bekommen.